Alexei Bialinizki-Birula

Alexei Bialinizki-Birula (Orscha 1864 - 1937 Sankt Petersburg)

Aurora Borealis II, 1901-1902

6 Aquarelle auf Papier und ein Titelblatt (signiert), 12 x 17 cm
Jeweils mit Uhrzeit, Datum und Nummerierung versehen
Titelseite beschriftet mit Aurora Borealis II, auf kyrillisch signiert mit Alexei Bialinizki-Birula

Provenienz:
Privatsammlung, Berlin

 

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Bereits in der Antike beschäftigte das Polarlicht die Menschheit. Es wurde als göttliches Zeichen gedeutet, um das sich zahlreiche Sagen und Legenden rankten. Von brennendem, feurigem oder blutendem Himmel war die Rede als Vorbote von Krieg, Leid oder Hunger. Erst mit der Aufklärung nahm man das Nordlicht, die Aurora borealis, als naturwissenschaftlich erklärbares Phänomen wahr.[1]

Ende des 19. Jahrhunderts begann die Zeit der großen Polexpeditionen. Die Intention war nicht nur kolonialistisch, sondern auch von naturwissenschaftlicher Neugier getrieben. Zu dieser Zeit begannen auch die Russen, die Nordregionen des eigenen Landes zu untersuchen. Im Sommer des Jahres 1900 begann eine zweijährige Expedition unter Leitung von Baron Eduard von Toll, einem russischen Natur- und Polarforscher, der seit einer Exkursion zur Insel Benetta im Sommer des Jahres 1902 als verschollen galt.[2] Außer ihm nahmen noch andere renommierte Wissenschaftler teil, so Alexander Koltschak[3] und Alexei Bialinizki-Birula, der Autor unserer Aquarelle. Er war Zoologe, interessierte sich aber auch besonders für atmosphärische Phänomene, so die Aurora borealis. In einem Brief an den Sekretär der Kommission der Expedition Valentin Bianki erwähnt er das Naturspektakel: Von acht bis neun Uhr abends, wenn der Himmel klar ist, sieht man Polarlichter; besonders schön war eins, das aussah wie ein sich wellender Vorhang.[4] Da zu der damaligen Zeit sowohl der julianische, als auch der gregorianische Kalender gebräuchlich waren, befinden sich auf dem Brief zwei Daten. Zum einen der 30. September 1900, zum anderen der 13. Oktober 1900.

Exakt solche Beobachtungen hat Bialinizki-Birula auf den vorliegenden Aquarellen festgehalten, Schnappschüssen gleich, aufgenommen unter den extremen Bedingungen des Nordens. Tatsächlich entstanden auf der Expedition auch Fotografien, aber nicht von den Polarlichtern. Dies hatte Gründe: Bei dem begrenzten Vorrat an Film wäre der Ausschuss viel zu groß gewesen. Außerdem wären die benötigten Belichtungszeiten zu lang gewesen.[5] So war anno 1901 die einzige Möglichkeit das Nordlicht in seinen verschiedenen Erscheinungsformen festzuhalten jene Aquarelle, die Bialinizki-Birula mühsam in den notdürftig temperierten Unterständen fertigte.

In einem Brief an Richard Schmidt, den Bibliothekar des Zoologischen Museums in St. Petersburg, beschreibt der Forscher die Lebensumstände. Bei Temperaturen bis minus 55°C fror die Nahrung, welche man aus verschmutzten Geschirr essen musste, sofort. Auf den von Hunden gezogenen Schlitten wurden nur der Proviant und die Ausrüstung transportiert. Die Expeditionsmitglieder mussten neben den Schlitten herlaufen, meist auch noch selbst Gepäck tragen.

Bialinizki beschränkt sich in den Aquarellen auf die Farbe Blau, mit der er sehr gekonnt moduliert. Feine Nuancen machen das Meer, den Himmel und die Polarlichter klar unterscheidbar. Dank der Zeitangaben wissen wir, dass die Bilder nachts und während der frühen Morgenstunden entstanden sind. Außerdem sind je zwei Daten angegeben. Vermutlich bezieht sich Bialinizki hier auf den julianischen sowie den gregorianischen Kalender.

Meist diente das Schiff Zarja, russisch für Morgen- oder Abendrot, der Expedition zur Fortbewegung. Als das Meer vereiste, war die Mannschaft zum Überwintern gezwungen. Unsere Aquarelle entstanden während des zweiten Winters auf der Insel Kotelny.[6] Die Expedition lieferte eine Fülle von Ergebnissen, sei es in der Zoologie, der Meteorologie, der Ozeanografie oder eben der Erforschung der Aurora borealis. Die Auswertung und Veröffentlichung der Ergebnisse sollte Jahre in Anspruch nehmen.[7]

Die von Alexei Bialinizki-Birula gefertigten Aquarelle sind nicht wissenschaftliches Dokument dieser russischen Polarexpedition, sondern ihre Betrachtung ist auch ein die Zeiten überdauerndes ästhetisches Vergnügen.


[1] Vgl. Wilfried Schröder, ‚Zur Geschichte der Polarlichtforschung’, in Physikalische Blätter, Bd. 35, Nr. 4, 1979, S. 160-166.

[2] Vgl. William Barr, ‚Baron Eduard von Toll’s Last Expedition: The Russian Polar Expedition, 1900-1903’, in Arctic, Bd. 34, Nr. 3, September 1980, S. 201-224.

[3] Alexander Koltschak (1874-1920), war Wissenschaftler, Admiral und während des Russischen Bürgerkriegs für über ein Jahr anerkannter Oberster Regent Russlands. Kämpfte gegen die Rote Armee und errichtete eine diktatorische Herrschaft. Vgl. Pawel Zirjanow, Admiral Koltschak, oberster Regent Russlands, Moskau 2006, S. 1.

[4] Natalia G. Sukhova, A.A. Bjalinizkij-Birulja: Briefe aus der russischen Polarexpedition, in Historisch-biologische Forschungen, Bd. 6, Nr. 1, St. Petersburg 2014, S. 87.

[5] Diese Information stellte uns freundlicherweise der Leiter des Zoologischen Museums in St. Petersburg Alexei Tichonow zur Verfügung.

[6] Diese Informationen stellte uns freundlicherweise die stellvertretende Leiterin des russischen staatlichen Museum für Arktis und Antarktis Maria Dukalskaja zur Verfügung.

[7] Vgl. W. W. Sinjukow, Der Anfang des Lebenswegs und die arktischen Forschungen, in Alexander Wasiljewitsch Koltschak: Wissenschaftler und Patriot, I, Moskau 2009, S. 275.

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