Alfred Kubin

Alfred Kubin (Leitmeritz 1877 - 1959 Zwickledt)

Das grässliche Theater, 1915-23

Bleistift, schwarze Tinte und Wasserfarbe auf Katasterpapier, 23,1 x 32 cm (Bild), 31,3 x 39,2 cm (Bogen)
Signiert unten rechts Kubin
Eigenhändig bezeichnet unten links gräßliches Theater
Rückseitig handschriftlich bezeichnet Reserviert M.W.Schneditz

Provenienz:
Wolfgang Schneditz
Prof. Rudolf Leopold, Wien
Privatsammlung Wien

Literatur:
Zeman, Herbert (Hrsg.), Autographen aus drei Jahrhunderten: Literatur, Theater, Bildende Kunst, Wissenschaft: eine Dokumentation der Sammlung Anton Dermota, Graz u.a. 1987, Taf. XIV

 

„Mich zwingt ein unwiderstehlicher Trieb, diese wie in einem Dämmerlicht der Seele auftauchenden Gebilde zu zeichnen.“[1]

Das grässliche Theater ist auf Grund stilistischer Merkmale Alfred Kubins mittlerer Schaffensphase der Jahre 1915 bis 1923 zuzuordnen. Kennzeichnend sind der flüssige impulsive Stil, die „wie motorisch schreibende, feinlinige Federzeichnung mit ihrem vielfigurigen Liniengespinst“, das sich zum Bildrand hin verdichtet (vgl. Abb. 1).[2] Dr. Annegret Hoberg bemerkt vor dem Hintergrund ihrer umfassenden Kenntnis von Kubins Oeuvre auch die fein durchgearbeitete Aquarellierung unseres Blattes.

Abb. 1 Alfred Kubin, Rübezahl, um 1915, 28,8 x 25,7 cm

Typisch ist immer wieder auch die Ausführung auf Katasterpapier, welches Kubin den Beständen seines Vater, der Landvermesser war, entnahm. Die rückseitige Notiz bestätigt, dass das Blatt für den Kunsthistoriker und Kubinforscher M.W. Schneditz reserviert war. Schneditz, der u.a. 1949 das Buch Alfred Kubin und seine magische Welt veröffentlichte, verband mit Kubin auch eine persönliche Freundschaft.

Ein grundsätzliches Charakteristikum der Kunst Kubins ist ihre extreme Subjektivität. Die Visionen sexueller Angst- und Zwangsvorstellungen, von Folter, Qual, Übermacht und Ausgeliefertsein wirkten wie Einblicke in die geheimen Triebe und Ängste der modernen Seele, die Sigmund Freud zur gleichen Zeit in seiner “Traumdeutung” beschäftigten. Kubin projizierte sein Innenleben in die Kunst, gleich einem „Bilderstrom der im Unterbewusstsein präsent war und den er in seinen Zeichnungen mit allen Empfindungsqualitäten zu gestalten suchte“.[3] So ist der Inhalt des gesamten Werkes nahezu ausschließlich von elementar-visionären Bildmotiven des Unbewussten gekennzeichnet. Immer wieder spricht der Künstler von dem Versuch, die eigenen Träume in Bildern aufzuzeichnen. Damit verbunden ist Kubins dauerndes Bemühen, seine formalen Mittel zu erweitern, um „die Flut der Gestalten zu bändigen“: Wieder waren es Menschenmassen und Tierherden, Prunk und Moder, üppige Laster und ekelerregende Fäulnis, Anbetung des Erhabenen und fassungslose Qual, kurz alles, was mein Herz von jeher beschäftigt hatte; aber im künstlerischen Ausdruck waren die neuen Blätter erheblich besser[4]. Kubin hat vielfältige künstlerische Einflüsse und die Inspiration der unmittelbaren Umgebung verarbeitet. Neben der altdeutschen und niederländischen Malerei, hier sei vor allem Pieter Breughel d.Ä. genannt, müssen James Ensor und Paul Klee Erwähnung finden.

Alfred Kubin verbrachte seine Jugend in Salzburg und Zell am See. Der frühe Tod seiner Mutter prägten seine Jugendjahre und auch sein weiteres Leben stark. 1898 bis 1901 besuchte er die private Kunstschule Schmidt-Reutte sowie die Kunstakademie in München. An der Alten Pinakothek in München studierte er Graphiken von Max Klinger, James Ensor, Odilon Redon und Goya, die sein weiteres Schaffen stark beeinflussen sollten. 1902 veranstaltete Paul Cassirer die erste Kubin-Ausstellung in Berlin. Der künstlerische Durchbruch erfolgte 1903 durch ein von Hans Weber veröffentlichtes Mappenwerk mit 15 Zeichnungen in Lichtdruckreproduktionen. 1906 erwarb Kubin das Schlösschen Zwickledt bei Schärding in Oberösterreich, in dem er bis zu seinem Tode lebte. 1908 reiste er im Zuge einer Schaffenskrise nach Oberitalien, um anschließend seinen Roman „Die andere Seite“ niederzuschreiben. Er war unter anderem Mitglied der Münchner Künstlervereinigung „Blauer Reiter“, der Preußischen Akademie der Künste in Berlin und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Kubins künstlerisches Schaffen war der Zeichnung und der Illustration von Büchern – darunter Autoren wie Poe, Dostojewski, Voltaire – gewidmet. Sein Werk gilt heute neben dem Gustav Klimts, Egon Schieles und Oskar Kokoschkas als der wichtigste Beitrag Österreichs zur Kunst des 20. Jahrhunderts.

Wir danken Frau Dr. Annegret Hoberg, Lenbachhaus München, für Ihre freundlichen Hinweise bezüglich der Datierung und technischer Besonderheiten dieses qualitätvollen Blattes aus Kubins mittlerer Schaffensphase.


[1] Alfred Kubin, Rhythmus und Konstruktion, 1924.

[2] Annegret Hoberg, Das Selbstverständnis des späten Kubin, in: Peter Assmann (Hrsg.) Alfred Kubin (1877-1959), S. 9-39.

[3] Hoberg, op. cit., S. 15.

[4] Alfred Kubin, Aus meinem Leben, in: U. Riemerschmidt, 'Aus meinem Leben. Gesammelte Pros mit 73 Abbildungen', München 1977, S. 41f.

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