André Giroux

André Giroux
(1801 - Paris - 1879)

Blick auf die Bucht von Neapel, Ischia, vor 1830

Öl auf Leinwand, 30,5 x 45 cm
Signiert unten links Giroux

Provenienz:
Privatsammlung, Frankreich

 

 

Lange Zeit von der Kunstkritik vernachlässigt, gilt André Giroux heute als ein wichtiger Exponent jener Generation von Landschaftsmalern, die im frühen 19. Jahrhundert den Übergang von der neoklassizistischen Landschaftskomposition zu einer naturalistischen Auffassung vollzogen haben. Girouxs Hauptaugenmerk galt der Kulturlandschaft, sodass die seit der vorrömischen Zeit besiedelten Landstriche Italiens eine reiche Motivwahl boten. In späteren Jahren beschäftigte sich Giroux eingehend mit der Fotografie.1

Ausgebildet an der Ecole des Beaux-Arts, gewann er 1825 den Prix de Rome en Paysage Historique, der ihm einen Studienaufenthalt an der Villa Medici in Rom ermöglichte. Girouxs Romaufenthalt fällt mit der ersten Italienreise von Jean-Baptiste Camille Corot zusammen. Auch wenn sich keine Belege für eine nähere Bekanntschaft der beiden erhalten haben2, kannten sie sich gewiss, da sie sich nicht nur in denselben Künstlerkreisen bewegten, sondern sich auch stilistisch, maltechnisch und in der Motivwahl nahe standen. Giroux war mit Jacques-Raymond Brascassat, Théodore Caruelle d'Aligny, Edouard Bertin und Léon Fleury befreundet, mit denen Malexkursionen inner- und außerhalb Roms nachweisbar sind. Von Reisen in die römische Campagna und nach Umbrien, nach Kalabrien und Neapel, haben sich Zeichnungen und en plein-air Studien erhalten.

Die vorzustellende Ölstudie entstand während Girouxs Reise nach Ischia und muss vor 1830 entstanden sein, denn in dieses Jahr datiert eine Kopie des Gemäldes3 , jedoch ohne Figuren, gefertigt von dem Maler Guillaume Bodinier (1795-1872). Bodinier kam erstmals 1822 nach Rom, lernte Corot kennen und reiste mit ihm und weiteren Malern weiter gen Süden.4 Bodinier kopierte in dieser Zeit auch einige Landschaften Corots.5 Womöglich war Giroux auch mit Corot zusammen in Süditalien und auf Ischia unterwegs. 1828 malte Corot die plein-air Skizze Blick vom Abhang des Monte Epomeo auf Ischia, heute im Musée du Louvre.6

Abb. 1 André Giroux, Waldinneres mit einem Maler (Corot?), Civita Castellana, 1825-30, Öl auf Papier, 26 x 44 cm, Washington, National Gallery, Inv. Nr. 1994.52.3

Als Standpunkt für die vorliegende Ölstudie wählte der Maler die Abhänge des Monte Epomeo, von denen sich ein Blick auf den Golf von Neapel eröffnet. Eine von Stützmauern befestigte Straße zieht sich dem Bergrücken entlang. Einzelne, weiß getünchte Häuser kontrastieren mit dem Grün der bewaldeten Ebene. Einer von Girouxs Mitreisenden sitzt in seine Arbeit vertieft am Straßenrand und lässt sich von den neugierigen Blicken der neben ihm stehenden Bäuerin nicht ablenken. Bei einem anderen Werk Girouxs, Waldinneres mit einem Maler, Civita Castellana (Abb. 1), National Gallery, Washington, spekuliert die Forschung, ob es sich bei der dargestellten Rückenfigur um Corot handelt.7

Zurück in Paris gewann Giroux im Jahr 1830 mit einer Italienansicht den ersten Preis des Pariser Salons. In den Folgejahren richtete er sein Augenmerk auf die Umgebung von Paris und schuf Ansichten von Fontainebleau, Grenoble und der Normandie. Reisen in die Schweiz und Österreich sind dokumentiert, ebenso Ausstellungen im Musée du Luxemburg, im Pariser Grand Palais und 1836 und 1844 in Berlin. Giroux debütierte bereits 1819 im Salon, den er bis 1874 häufig beschickte .8

 

 


1 Vgl. André Giroux, op. cit., S. 44. Seine ersten Fotografien datieren in die frühen 1850er Jahre, jedoch ist anzunehmen, dass er sich schon früher mit dem neuen Medium beschäftigte. Sein Bruder und Geschäftspartner Alphonse-Gustave arbeitete seit 1839 eng mit Louis-Jacques-Mandé Daguerre zusammen, dem Erfinder des ersten kommerziellen fotografischen Verfahrens und fertigte für ihn exklusiv den für die sogenannte Daguerreotypie benötigten Fotoapparat. André Giroux retuschierte die Fotographien und auch die Kollodium-Nassplatten und erzielte dadurch einzigartig weiche Übergange. Vgl. André Giroux, op. cit., S. 32-3 und 44-49.

2 Vgl. Philip Conisbee, Sarah Faunce, Jeremy Strick, In the Light of Italy. Corot and early-open-air painting, Kat. Ausst. Washington, National Gallery of Art, 1996, S. 238-240.

3 Guillaume Bodinier, Ischia, Kopie nach Giroux, 1830, Öl auf Leinwand, 34,4 x 53,5 cm, Angers, musée des beaux-arts, Inv. Nr. MTC 3006. Fälschlicherweise Achille Giroux bezeichnet.

4 Vgl. Guillaume Bodinier (1795-1872): un peintre Angevin en Italie, Kat. Ausst. Angers, Musée des Beaux-Arts, 2011, S. 104-107.

5 Guillaume Bodinier, Papigno, Kopie nach Corot, 1826, Öl auf Leinwand, 37,3, 53,5 cm.

6 Jean-Baptiste Camille Corot, Blick vom Abhang des Monte Epomeo auf Ischia, 1828, Öl auf Papier auf Leinwand, 26 x 40 cm, Paris, Musée du Louvre, Inv. Nr. R.F. 2231.

7 Vgl. In the Light of Italy, op. cit. S. 240.

8 Vgl. André Giroux, op. cit., S. 9-57.

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