Carl Blechen

Carl Blechen
(Cottbus 1798 - 1840 Berlin)

Fischerboot an der Ostseeküste bei Swinemünde, um 1834

Bleistift auf Papier, 162 x 259 mm
Rückseitig unten links Nachlass-Stempel Carl Blechen1, darunter Sammlerstempel H.F.W. Brose2

Provenienz:
Nachlass Carl Blechen, 1853;
Sammlung Heinrich Friedrich Wilhelm Brose, Berlin, Lugt 307c;
Sammlung Carl Brose, Berlin, 1911;
Verkauf vor 1928 wohl an Privat, nicht im Versteigerungskatalog der Sammlung Carl Brose3;
Deutscher Privatbesitz.

Literatur:
Guido Joseph Kern, Karl Blechen, sein Leben und seine Werke, Berlin 1911, S. 169, Spalte 1, 13 (Boot am Strande. Blei. 16.26 )

Gutachten von Dr. Iris Berndt, Potsdam, vom 20.04.2018

 

Ein im Meer verankertes Ruderboot an einem menschenleeren Ostseestrand hatte das Interesse von Carl Belchen geweckt. Das detailliert wiedergegebene Boot steht im Kontrast zur umgebenen Landschaft. Im Hintergrund sind Fischernetze zum Trocknen aufgespannt; der Leuchtturm ist nur zu erahnen. Die ruhige See und der Strand gehen fast unbemerkt ineinander über und sind mit großer Behutsamkeit mit wenigen, feinen Linien und Straffuren gezeichnet.

Unsere Darstellung kann den Bleistiftskizzen der Ostseereise zugeordnet werden. Neben einigen Aquarellen sind von dieser Reise insgesamt achtzehn Bleistiftzeichnungen bezeugt. Die Beschriftungen von Blechens Hand auf den Blättern weisen Aufenthalte in Stettin, Stralsund, Swinemünde und auf der Halbinsel Jasmund auf Rügen nach. Unser Blatt ist jenen Zeichnungen zuzuordnen, welche mit „Swinemünde“ bezeichnet sind.4 Iris Berndt äußert sich wie folgt: Durch genaueren Vergleich dieser Blätter lässt sich sogar feststellen, dass dort am Strand vier Boote nebeneinander im Wasser und eines etwas abseits lagen. Blechen änderte seinen Standort für die vorliegende Zeichnung also nur um wenige Meter. Zwei dieser Blätter haben mit dem vorliegenden das gleiche Format, das er auf dieser Reise öfter nutzte.

Abb. 1 Carl Blechen, Ostseestrand mit Booten, Bleistift auf Papier, 12,1 x 23,4 cm, Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum (R 675)

Die Reise an die Ostsee unternahm Blechen nach neuesten Erkenntnissen wohl im Jahr 1834 zusammen mit Heinrich Gätke (1814-1897), Blechens Schüler von 1833 bis 1835 an der Berliner Kunstakademie. Gätke spezialisierte sich später auf Meeresdarstellungen und wurde der Maler Helgolands. Unser Blatt stammt somit aus dem Spätwerk Blechens. Guido Joseph Kern, der 1911 eine Biographie Blechens veröffentlichte, nahm fälschlicherweise an, dass Blechen bereits 1828 an die Ostsee reiste. Diese Annahme wurde fortan in der Literatur übernommen. Neue Forschungen5 besagen, dass die Reise 1834 stattgefunden haben muss, da vor allem die Technik der Zeichnungen auf eine Entstehung nach der Italien-Reise hinweist. Die Studien und Skizzen der Ostsee weichen vom Muster der 1828 datierten Werke ab. Blechen vollendete die Palmenhaus-Bilder für den König im Juni und konnte so die Semesterferien nutzen, um in den Norden zu reisen. Ab Mitte der 1830er Jahre mehrten sich bereits Anzeichen einer psychischen Erkrankung, die ihn zur Aufgabe seiner Lehrtätigkeit zwang und seine künstlerische Arbeit einschränkte.6

Das Blatt entstammt der berühmten Blechen Sammlung des Berliner Bankiers H. F. W. Brose. Er erwarb den Hauptbestandteil seiner bedeutenden Blechen Sammlung, darunter unser Blatt, aus dem 1853 versteigerten zweiten Teil des Blechen Nachlasses. Theodor Fontane erwähnt 1882 in seiner Beschreibung der Sammlung Carl Brose neben ungefähr 70 Ölgemälden sieben große Mappen mit Hunderten von Skizzen. Das vorliegende Blatt wurde wohl vor 1928 an Privat verkauft, denn es erscheint nicht im Versteigerungskatalog der Sammlung Brose des Berliner Auktionshauses Hollstein & Puppel im November 1928.

 

 


1 Vgl. Frits Lugt, Les marques de collections de dessins & d'estampes, Paris 1956, S. 41: Lugt Nummer L.263b.

2 Vgl. Lugt, op. cit., S. 48: Lugt Nummer L.307c.

3 Vgl. Berlin, Hollstein & Puppel, Auktion XL, Sammlung C. Brose, Berlin, 8.-10. November 1928.

4 Carl Blechen, Fischerboote bei Swinemünde, Bleistift auf Papier, 17 x 26 cm, bezeichnet Swinemünde, Greifswald Pommersches Landesmuseum (R 671);
Carl Blechen, Boote und Badebuden am Strand, Bleistift auf Papier, 17,1 x 25,7 cm, bezeichnet Swinemünde, Magdeburg, Kulturhistorisches Museum (R 672);
Carl Blechen, Ostseestrand mit Booten, Bleistift auf Papier, 12,1 x 23,4 cm, bezeichnet Swinemünde, Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum, Inv. Nr. ZL 81/5803 (R 675),
Abb. 1.

5 Siehe Friederike Sack, Carl Blechens Landschaften – Untersuchungen zur theoretischen und technischen Werkgenese, Diss., LMU, München 2007, S. 181. Iris Berndt, Helmut Börsch-Supan, Carl Blechen. Innenansichten eines Genies, Berlin 2017 S. 41.

6 Vgl. Zu Blechens Biographie siehe u.a. Peter-Klaus Schuster (Hg.), Carl Blechen. Zwischen Romantik und Realismus, Kat. Ausst. Berlin Nationalgalerie, München 1990.

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