Christian Daniel Rauch

Christian Daniel Rauch
(Arolsen 1777 - 1857 Dresden) 

Ein Relief der Kronprinzessin Elisabeth von Preußen

Carraramarmor 34,2 x 35,7 cm ohne Sockel, Höhe 52,4 cm mit Sockel
Bezeichnet ELISABETH KRONPRZS. V. PREUSSEN

Provenienz:
Privatsammlung, Deutschland

Literatur:
Friedrich Eggers, Christian Daniel Rauch, Leben und Werke, 5 Bände, Berlin 1873-1891.
Friedrich Eggers, Das Rauch-Museum. Sammlung von Modellen der Werke Christian Rauch's im Königlichen Lagerhause zu Berlin, Berlin 1877. (ad Relief S. 51, Kat. Nr. 228)
Karl Eggers, Das Rauch-Museum zu Berlin. Verzeichnis seiner Sammlungen nebst geschichtlichen Vorbericht und Lebensabriss Rauch's, Berlin 1892. (ad Relief S. 60, Kat. Nr. 259)
Paul Ortwin Rave, Das Rauch-Museum in der Orangerie des Charlottenburger Schlosses, Berlin 1930. (ad Büsten S. 120, Nr. 90)
Jutta von Simson, Christian Daniel Rauch, Oeuvre-Katalog, Berlin 1996.
Christian Daniel Rauch-Museum Bad Arolsen, Ausstellungskat., hrsg. von Birgit Kümmel, Bernhard Maaz, Berlin, Bad Arolsen 2002. (ad Relief S. 208-209, Kat. Nr. 73, Tafel S. 209)
Nationalgalerie Berlin, Das XIX. Jahrhundert, Bestandskatalog der Skulpturen, Band 2, hrsg. von Bernhard Maaz, Berlin 2006.

Archivalien:
Historisches Archiv der Akademie der Künste Berlin:
PrAdK 0084, Protokolle der Sitzungen des Akademischen Senats sowie Abschriften der Schreiben des Akademischen Senats an das Kultusministerium 1836 [Protokoll vom 9.1.1836] Zentralarchiv der Staatlichen Museen Berlin:
SMB-ZA, IV/NL Rauch 05, Briefverzeichnis und Tagebuch 1829-1833
SMB-ZA, IV/NL Rauch 06, Briefverzeichnis und Tagebuch 1833-1841
SMB-ZA, IV/NL Rauch 07, Briefverzeichnis und Tagebuch 1841-1849
SMB-ZA, IV/NL Rauch 09, Nachweis der ausgeführten Skulpturen 1797-1855
SMB-ZA, IV/NL Rauch 17, Register zu den Contobüchern A, B, C, D und E
SMB-ZA, IV/NL Rauch 18, Conto-Buch, Litera D, 1831-1839
SMB-ZA, IV/NL Rauch 19, Conto-Buch, Litera E

Wir danken Frau Sylva van der Heyden für ihre Recherchen und folgenden Text:

Das in einer Privatsammlung aufgetauchte Relief war der Wissenschaft bisher unbekannt. Es zeigt die Kronprinzessin Elisabeth von Preußen im Profil, drehbar auf einen Sockel montiert, gefertigt in Carrara-Marmor. Die in den Marmor geschnittene Inschrift ELISABETH KRONPRZS. V. PREUSSEN ist mit einer blauen mineralischen Paste eingelegt. Bei dem Porträt handelt es sich um eine Arbeit des Bildhauers Christian Daniel Rauch (1777–1857) und dessen Berliner Werkstatt. Es war von September 1834 bis Januar 1837 in Arbeit.

Die Prinzessin ist im Profil nach rechts dargestellt. Ihre Haare sind am Hinterkopf geknotet und über den Schläfen in weiche Korkenzieherlocken gelegt. Über Hals und Schulter liegt der königliche Hermelinpelz, in der erhobenen linken Hand hält sie ein Maiglöckchen. Das Maiglöckchen galt als Lieblingsblume der Prinzessin. Das Relief ist in eine Bogennische gebettet, umgeben von einem annähernd quadratischen Rahmen. Die oberen Zwickel des Rahmens füllen die bayerischen und preußischen Wappentiere - Löwe und Adler. Unterhalb der Nische ist auf einem Sockelstreifen die Inschrift angebracht.

Elisabeth Ludovika (13.11.1801–14.12.1873), Prinzessin von Bayern, schloss am 16. November 1823 die Ehe mit dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (15.10.1795–2.1.1861). Er folgte seinem Vater, Friedrich Wilhelm III. (*3.8.1770) von Preußen nach dessen Tod am 7. Juni 1840 als König Friedrich Wilhelm IV. auf den Thron.

Eine Vielzahl erhaltener Quellen, besonders die Konto- und Tagebücher Rauchs, geben Aufschluss zu den Abläufen in der Rauch-Werkstatt, zu Entwürfen, Arbeitsschritten, Werkstattmitarbeitern, Kosten und der Datierung einzelner Werke.[1] Leider ist eine eindeutige Verbindung der bekannten Skulpturen mit dem vorhandenen Quellenmaterial nicht immer möglich. Dies gilt auch für Rauchs diverse Porträts der Kronprinzessin Elisabeth. Nicht nur weil sie in mehreren Versionen bekannt sind, sondern auch weil die Quellen sich auch auf andere, uns teils noch unbekannte Porträts der Kronprinzessin beziehen. Umso erfreulicher ist, dass sich für das vorliegende Relief, wie diese Recherche zeigen wird, eine eindeutige Quellenlage ergibt.

Das vorgestellte Relief ist die früheste von drei heute existenten Versionen, begonnen im September 1834 und zu Beginn des Jahres 1837 vollendet. Bei der zweiten Version handelt es sich um einen Gipsabguß von 1836,[2] heute Berliner Nationalgalerie (SMB NG, Inv. Nr. RM 259). Die dritte, späteste Version, heute Bayerisches Nationalmuseum München (Inv. Nr. 2013/149), datiert ab 1840. Den Terminus post quem liefert hier die Beschriftung ELISABETH KOENIGIN. V. PREUSSEN, die eine Entstehung erst nach der Krönung Mitte 1840 belegt.

Das Modell für unser Reliefprofil könnte ein von Rauch am 24. September 1834 gefertigtes „Profil der Kronprinzessin“ sein. Er vermerkt in seinem Tagebuch dazu, dass es „klein“ und für einen Carneolschnitt vorgesehen sei.[3] Zeitgleich begannen verschiedene Mitarbeiter der Berliner Rauch-Werkstatt mit den Vorarbeiten für eine Marmorversion, wie die Aufzeichnungen im Kontobuch zum „Modell der Kronprinzessin von Preußen Büste in einer Nische“ belegen.[4]

Laut der Quellen zogen sich die Arbeiten an unserem Relief vom September 1834 bis in den Januar 1837. Rauchs engste Mitarbeiter und Schüler waren damit befasst: Neben dem Bildhauer Ceccardo Gilli (1798–1862) führten Carl Gramzow (1807–nach 1863), Karl Heinrich Möller (?–?) und Albert Wolff (1815–1892) weitere Arbeitsschritte an dem Relief aus.[5] Der Mechanikus Gilow[6] (?–?) montierte im Dezember 1835 unter das Marmorrelief eine „Drehscheibe“, ein weiterer Mitarbeiter nahm sich der Inschrift an.[7] Immer wieder legte auch Rauch selbst Hand an. In sein Tagebuch notierte er: „10.-14. November 1835 – An dem Kopf der Kronprinzeßin in der Nische in Marmor retouschiert“. Kurze Zeit später vollendete er laut Tagebuch vom 2. Dezember 1835, „das Modellchen eines Profils mit d linker Hand, in halbrunder Nische […] (I.H. d. Kronprinzeßin)“.[8]

Die Zuordnung dieser Quellen zu unserem Stück scheint eindeutig: Der Verweis auf die „linke Hand“, die „halbrunde Nische“ ebenso wie der Verweis auf die Drehscheibe unterscheidet unser Porträt von einem anderen, heute unbekannten, ebenfalls 1834 gefertigtem Porträt der Kronprinzessin für Schloss Charlottenhof.[9]

Im Januar 1836 meldete Rauch für das „Portrait I.K.H. der Frau Kronprinzessin, im Profil“ Urheberrecht bei der Berliner Akademie der Künste an und überstellte ein Gipsmodell (PrAdK 0084, 9.1.1836). Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um den bei Jutta von Simson abgebildeten Gipsabguss,[10] heute in der Berliner Nationalgalerie (SMB NG, Inv. Nr. RM 259).[11]

Woher der Auftrag für unser Relief kam, ist nicht zu rekonstruieren. In der Sekundärliteratur wird ausgehend von Friedrich Eggers[12] über Jutta von Simson[13] bis zu den aktuellsten Ausstellungskatalogen[14] die Fürstin Liegnitz, zweite Ehefrau des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., als Auftraggeberin genannt, die das Relief zur Aufstellung in ihrem Palais in Potsdam am Grünen Gitter bestellt haben soll. Diese Behauptung ist aber weder durch Quellen gestützt noch ist sie chronologisch schlüssig. Tatsächlich hatte die Fürstin Liegnitz ihr Potsdamer Palais erst 1841 nach dem Tode ihres Gemahls Friedrich Wilhelm III. umbauen lassen und anschließend bezogen, also zu einer Zeit als Elisabeth nicht mehr Kronprinzessin sondern schon Königin war. Daher könnte es sich bei der Bestellung der Fürstin Liegnitz, sollte es denn eine solche gegeben haben, eher um die spätere Version unseres Reliefs, mit der Inschrift ELISABETH KOENIGIN. V. PREUSSEN, handeln, die heute im Bayerischen Nationalmuseum, München verwahrt wird. Sie kann erst nach der Krönung Mitte 1840 entstanden sein und würde daher zeitlich gut mit dem Umbau des Potsdamer Palais‘ und dem anschließenden Umzug der Fürstin Liegnitz harmonieren.

Es ist also eher anzunehmen, dass unsere 1834/1836 angefertigte erste Version des Reliefs ein Auftrag des Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV. gewesen ist. Denkbar wäre auch ein Geschenk an Kronprinzessin Elisabeths Mutter, Königin Caroline von Bayern, geb. Prinzessin von Baden. Mutter und Tochter liebten die gemeinsamen Besuche in Rauchs Berliner Atelier, wie sie in den Tagebüchern des Bildhauers dokumentiert sind.

Zuletzt sei noch ein Gedanke dem Drehmechanismus des Reliefs gewidmet. Dass ein Relief mit unbearbeiteter Rückseite drehbar  montiert ist verwundert zunächst. Sobald man es aber vor eine Kerze postiert oder im hellen Gegenlicht bei Tage betrachtet, erscheint das edle Profil der Prinzessin einem Scherenschnitt gleich vor dem transparenten Hintergrund des umgebenden dünnen Marmors.

Büsten der Kronprinzessin / Königin Elisabeth von Preußen von C. D. Rauch:

1824, H 0,47m [modelliert 5.8.1824, Sanssouci]

1829, H 0,50 m [modelliert 23.6.1829]

1845, H 0,58 m [Wiederholung von 1824]

 

 

 

 

 

 

 

 

Reliefs der Kronprinzessin / Königin von Preußen von C. D. Rauch:

Gips
ELISABETH KRONPRZS. V. PREUSSEN
SMB, NG, Berlin
Inv. Nr. RM 259
(Abb. in Simson 1996, Nr. 226)

Marmor ELISABETH KRONPRZS. V. PREUSSEN Privatbesitz Drehscheibe & Büstenfuß

Marmor ELISABETH KOENIGIN. V. PREUSSEN BNM, München Inv. Nr. 2013/149 (Abb. Objektdatenbank BNM) keine Vorrichtung für Büstenfuß oder Drehscheibe

 

 

 

 

 

 

 

 

 


[1] Zentralarchiv der Staatlichen Museen Berlin, NL Rauch. Einschlägige Rauch-Literatur: Eggers 1873-91; Simson 1996; Ausstellungskat. 2002; Bestandskat. 2006.

[2] vgl. Simson 1996, S. 359, Kat. 226.

[3] SMB-ZA, IV/NL Rauch 06, Briefverzeichnis und Tagebuch 1833-1841; Simson 1996, S. 350, Kat. 219.

[4] SMB-ZA, IV/NL Rauch 18, Conto-Buch, Litera D, 1831-1839, Nr. 144.

[5] Zu den Arbeitsprozessen in Rauchs Werkstatt und die Mitarbeiter siehe: Birgit Kümmel, Atelier und Techniken des Bildhauers. „der Altmeister der Plastik residiert darin wie ein König“, in: Ausstellungskat. 2002, S. 59-66.

[6] Derselbe Mechaniker, Gilow, montierte im November 1837 Drehscheiben an das Porträtrelief der Fürstin Liegnitz (heute SPSG, Neuer Pavillon), welches vom Aufbau dem drehbaren Relief der Kronprinzessin stark ähnelt. Vgl. SMB-ZA, IV/NL Rauch 19, Conto-Buch, Litera E, Nr. 84.

[7] SMB-ZA, IV/NL Rauch 18, Conto-Buch, Litera D, 1831-1839, Nr. 144.

[8] SMB-ZA, IV/NL Rauch 06, Briefverzeichnis und Tagebuch 1833-1841.

[9] SMB-ZA, IV/NL Rauch 18, Conto-Buch, Litera D, 1831-1839, Nr. 144.

[10] Simson 1996, S. 359, Kat. 226.

[11] Im Kontobuch werden für Januar 1836 ein Gipsabguss, ein Büstenfuß und der Transport zur Akademie der Künste abgerechnet. Vgl. SMB-ZA, IV/NL Rauch 18, Conto-Buch, Litera D, 1831-1839, Nr. 144.

[12] „Das liebreizende Bildchen war für die Fürstin Liegnitz bestimmt und ist in deren Palais angebracht.“ Eggers 1873-91, Bd. 3, 1886, S. 82.

[13] „Die Arbeit entstand auf Bestellung der Fürstin Liegnitz, der zweiten Gemahlin Friedrich Wilhelm III., die das bald darauf in Marmor ausgeführte Relief in ihrem Palais am Grünen Gitter in Potsdam anbringen ließ. Hier ist es heute nicht mehr nachweisbar.“ Simson 1996, S. 359.

[14] „Den Auftrag für das Modell der Kronprinzessin Elisabeth von Preußen erhielt Rauch von der Fürstin Liegnitz, der zweiten Gemahlin des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III.“ Ausstellungskat. 2002, S. 208.

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