Emil Nolde

Emil Nolde (Nolde, Schleswig 1867 - 1956 Seebüll)

Sonnenblume, 1928

Öl auf Holz, 73 x 88,9 cm
Signiert unten links Nolde und beschriftet auf der Rückseite Nolde: Sonnenblume

Provenienz:
Salman Schocken, Berlin-Zehlendorf (nach 1930);
Gershom G. Schocken, Tel Aviv;
Shulamith Schocken, Tel Aviv;
Versteigerung German und Austrian Art, Sotheby's London, 7. Februar 2006, Los 4, verkauft für € 1.569.193;
Privatsammlung, England.

Literatur:
Handliste Noldes, 1930 (Sonnenblume, 1928);
Martin Urban, Emil Nolde, Werkverzeichnis der Gemälde 1915-1951, München 1990, Bd. 2, Nr. 1076, S. 384.

 

Emil Noldes Sonnenblume ist ein Stimmungsbild par excellence, dessen primäres Ausdrucksmittel die Farbe ist. Vor einer drohenden Gewitterkulisse, der Himmel dunkel und wolkenverhangen, erwartet eine einzelne Sonnenblume den bevorstehenden Sturm. Das leuchtende Gelb ihrer Blütenblätter lässt hoffen, dass sie das Unwetter überstehen wird. Nolde schreibt: Die blühenden Farben der Blumen und die Reinheit dieser Farben, ich liebte sie. Ich liebte die Blumen und ihr Schicksal: emporsprießend, blühend, leuchtend glühend, beglückend, sich neigend, verwelkend, verworfen in der Grube endend.1

Für Emil Nolde waren Blumen ein Symbol des immerwährenden Zyklus des Lebens, von der Geburt bis zum Tod. Vor diesem Hintergrund ist das vorliegende Gemälde nicht nur einfache Naturbeobachtung, sondern eine poetische Reflektion des Künstlers auf das Leben.2

Neben der Vorliebe für Blumen hegte Nolde großes Interesse an der Landschaft und den sich durch wechselnde Wettereinflüsse stets verändernden Lichteffekten und Farbnuancen der Natur. Auch seine Landschaften sind von symbolischem Charakter, Himmel und Wolken stehen als Metaphern für die unermessliche Kraft der Natur und den ewigen Kampf des Menschen gegen die Elemente. In diesem Sinne trotzt die ungeschützt ausgesetzte Sonnenblume – ähnlich dem Menschen – der rauen Natur.

Die in den Blumen- und Gartenbildern eröffnete Nähe zur Natur bildet eine Parallele zum Leben des Künstlers, das Nolde zu großen Teilen unweit der rauen, norddeutschen Küste verbrachte. Erste Blumenbilder entstanden bereits 1906/08 auf Alsen, wo sich Nolde mit seiner Frau Ada 1903 in einem kleinen Fischerhaus nahe des Meeres niederließ. Fasziniert von der Wildheit der Natur und inspiriert von der Farbenpracht der umliegenden Gärten experimentiert er mit dem Blumenmotiv und findet so zu dem zentralen Ausdrucksmittel seiner Kunst, der Farbe.3

Auch Noldes Anwesen in Utenwarf, das er nach der Südseereise 1915 bezog, war von einem verwachsenen und blumenreichen Garten umgeben. Hier beginnt der Meister Kreidezeichnungen und Aquarelle der Blütenpracht seiner Gärten anzufertigen, die sein Werk fast ununterbrochen bis zu seinem Tod begleiten werden. 1926 zieht Nolde nach Seebüll, wo er Atelierhaus und Garten nach seinen Entwürfen gestaltet und 1928 das Gemälde Sonnenblume malt.4

Die Beschäftigung mit dem Bildmotiv der Sonnenblume verweist nicht zuletzt auf Noldes hohe Wertschätzung der Arbeiten Vincent van Goghs, dessen ikonenhafte Sonnenblumen eine herausragende Stellung im Werk des Niederländers einnehmen. 1928 gab es bei Paul Cassirer in Berlin eine große Van Gogh Retrospektive, doch auch bei früheren Ausstellungsbesuchen in München und Berlin hatte Nolde schon Arbeiten van Goghs bewundert.5 Nolde adaptiert in seinen Sonnenblumen van Goghs virtuosen und dynamischen Umgang mit der Farbe. In dem gezeigten Gemälde entwickelte Nolde das Motiv weiter und steigert den Ausdruck, indem er die Sonnenblume vor dramatischem Hintergrund präsentiert. Die Metaphorik des Kampfes zwischen Mensch und Natur ist in vielen Bildern Noldes präsent. Das vorliegende Gemälde repräsentiert einen bedeutenden Schritt auf diesem künstlerischen Weg. Die Sonnenblume ist ein außergewöhnlich atmosphärisches Bild mit prägnantem Symbolgehalt und reiht sich unter die bedeutendsten Werke der Blumen- und Naturbilder Emil Noldes ein.

 

 


1 Emil Nolde, Mein Leben, hrsg. von d. Stiftung Seebüll Ada u. Emil Nolde, Köln 1979, S. 148.

2 Peter Vergo, Flowers and Gardens, in Emil Nolde, Kat. Ausst. London, Whitechapel Art 8. Dezember 1995 - 25. Februar 1996, 1996, S. 118.

3 Martin Urban, Emil Nolde. Blumen und Tiere, 3. neubearb. u. erw. Aufl., Köln 1980, S. 7.

4 Manfred Reuther, ‚Grüße von unserem jungen Garten. Emil Noldes Gärten und seine Blumenbilder’, in Reuther 2009, op. cit., S. 17-37.

5 Nolde, Mein Leben, op. cit., S. 135.

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