Félix Edouard Vallotton

Félix Edouard Vallotton (Lausanne 1865 - 1925 Paris)

Côte roussie et tourelle, Champtoceaux, 1923

Öl auf Leinwand, 55 x 46 cm
Signiert und datiert unten links F.VALLOTTON. 23

Provenienz:
Galerie Druet, Paris, Inv. Nr. 10238 (direkt vom Künstler 1923 erworben)
Lily Goujon-Reinach (1881-1971), Paris (erworben 1923)
France Beck, Paris (Geschenk von ihrer Tante Lily Goujon)
Entwendet 1950
Madame Renée Pasteur
Nachlass Pasteur
Daxer&Marschall, nach gerichtlicher Klärung des Eigentums

Literature:
Livre de Raison: LRZ 1448: Paysage Champtoceaux. Un cote roussie, dominée par une tourelle de briques, a droite une vigne. Deux chèvres blanches et une femme.
Marina Ducrey, unter Mitarbeit von Katia Poletti, Félix Vallotton (1865-1925). L’œuvre peint, catalogue raisonné, Werkverzeichnis, Bd. 3, Mailand 2005, Nr. 1524 (mit Abb.)

Der Verfasserin des Catalogue Raisonné Vallotton danken wir für ihre umfassenden Informationen.

Im Juni 1923 kehrte Félix Vallotton an die Landschaften der Loire zwischen Nantes und Tours zurück, an eben jene Orte, die ihn bereits bei einem ersten Besuch in den Jahren 1914 und 1915 so beeindruckt hatten. Er besuchte seinen Freund und Kollegen Paul Deltombe (1878-1971) in Champtoceaux, in der Nähe von Nantes gelegen. Ende Juni kehrte er dann nach Honfleur zurück. Aus einem Brief vom 17. August an seinen Bruder Paul wissen wir, welch reiche Früchte die an der Loire gefertigten Landschaftsstudien getragen hatten. Er schreibt von dreizehn Gemälden, die er zwischenzeitlich vollendet habe und mit denen er sehr zufrieden sei.[i]

Der Brief verdeutlicht auch Vallottons Arbeitsweise. Er fertigte bei seinem Aufenthalt in Champtoceaux und Umgebung zahlreiche Skizzen, und übertrug sie später im Atelier auf Leinwand. Dies trifft auch für Côte roussie et tourelle, Champtoceaux zu, dessen Skizze sich in einer französischen Privatsammlung erhalten hat (Abb.1). Bereits in der Skizze variiert Vallotton vorgefundene Architektur- und Landschaftsmotive in etwa so wie er sie in dem zukünftigen Gemälde darstellen wird. Tatsächlich ist der dargestellte Turm Teil einer großen Toranlage mit Doppeltürmen am Eingang zur mittelalterlichen Feste von Champtoceaux[ii]. Die Zeichnung weist, einer bewährten Tradition folgend, zum memorieren der Farben einen numerischen Farbcode auf. Dieser Nummerncode ist auch deshalb interessant, weil sich an ihm nachvollziehen läßt, dass der Maler sich die künstlerische Freiheit genommen hat, die Farbgebung zu intensieviern. In jenen Jahren wechselte er von einer realistischen Darstellung zu einer vereinfachten Malweise, die rhythmisierte Farbsequenzen setzt, gleich einem sich wiederholenden Muster, ähnlich wie dies auch bei Bonnard zu beobachten ist.[iii]

Abb. 1 Félix Vallotton, Côte roussie et tourelle, Champtoceaux, Bleistift auf Papier, 14,5 x 11,5 cm, Privatsammlung Frankreich, © Fondation Félix Vallotton, Lausanne

Abb. 1 Félix Vallotton, Côte roussie et tourelle, Champtoceaux, Bleistift auf Papier, 14,5 x 11,5 cm, Privatsammlung Frankreich, © Fondation Félix Vallotton, Lausanne

In Lausanne 1865 geboren, studierte Vallotton in Paris an der Académie Julian und gehörte später dem Kreis der Künstlergruppe Nabis an, zu der auch Edouard Vuillard und Pierre Bonnard zählten. Er arbeitete als Illustrator und Journalist, schrieb Theaterstücke. In den 1890er Jahren wurde Vallotton vor allem durch seine Holzschnitte bekannt, die mit ihrer neuartigen Flächenaufteilung und harten Schwarz-Weiß-Kontrasten für Aufsehen sorgten. Ab 1899 verlegte er seinen künstlerischen Schwerpunkt in die Malerei. Bereits 1885 hatte er sein lebenslang geführtes Livre de Raison, ein chronologisches Verzeichnis seiner Werke, begonnen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1925 gehörte Vallotton zu den bedeutendsten Vertretern des Symbolismus. Seine Bildsprache war für den Surrealismus, die Pittura Metafisica, die Neuen Sachlichkeit, selbst noch die Pop Art wegweisend.

Côte roussie et tourelle, Champtoceaux war seit seiner Entstehung 1923 im Besitz von Lily Goujon-Reinach. Zusammen mit ihrem Ehemann Pierre Goujon hatte sie eine der bedeutendsten Sammlungen moderner Kunst Frankreichs vor dem ersten Weltkrieg aufgebaut. In der Sammlung Goujon-Reinach befanden sich zum Zeitpunkt des frühen Todes von Pierre Goujon, er fiel im ersten Weltkrieg, bereits zehn Werke von Vallotton, überwiegend finanziert von Lilys Vater Joseph Reinach.[iv] Fünf weitere Gemälde erwarb Lily Goujon-Reinach dann noch nach 1914. Die Sammlung vereinte über 300 Gemälde, darunter Van Gogh, Monet, Manet, Degas, Corot, Rembrandt und eben auch Vallotton.


[i] Brief an Paul Vallotton vom 17. August 1923: J’ai fait de mes notes prises en maine-et-Loire treize toiles et je crois cette série assez heureuse. Ducrey, o. cit., S. 801. Nur ein weiterer Brief an seinen Bruder und eine Postkarte an Jacques Rodrigues-Henriques geben Nachricht über seinen Aufenthalt in Champtoceaux.

[ii] Champtoceaux, früher Châteauceaux, war im Mittelalter eine der wichtigsten Festungen Frankreichs, vor allem des Anjou gegenüber der Bretagne. Während des Bretonischen Erbfolgekriegs wurde Herzog Johann V. in Châmptoceaux gefangen gesetzt. Nach seiner Befreiung durch die Engländer befahl er die Zerstörung der Burg. Vgl.

[iii] Vgl. Vallotton l’expo, Kat. Ausst. Paris, Galeries nationales, Grand Palais 2. Oktober 2013 - 20. Januar 2014, Paris 2013, S. 47.

[iv] Ducrey, o. cit., S. 218 und FN 25. Pierre Goujon (1875-1914), Politiker und Anwalt, wurde 1885 von Auguste Renoir gemalt. Er heiratete 1854 Lily (Julie) Reinach (1885-1971), Tochter des Journalisten, Politiker, Anwalt und Verteidiger von Dreyfus, Joseph Reinach.

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