Ferdinand Georg Waldmüller

Ferdinand Georg Waldmüller
(1793 - Wien - 1865)

„Kinder am Morgen Bilder betrachtend“, 1846

Öl auf Holz, 55,5 x 44,5 cm
Signiert und datiert unten rechts Waldmüller 1846

Provenienz:
Neumeister München, Auktion 266, 18.3.1992, Los 680, Abb. Tafel 33
Kunsthandlung R. Hofstätter, Wien (1993)
Privatbesitz, Wien

Ausstellung:
Dresden, Akademieausstellung 1861 (wohl WVZ Nr. 1019)
Katalog einer Sammlung von Ölgemälden, besonders aber einer reichen Auswahl Bilder vom F. G. Waldmüller, pens. Professor der k.k. Akademie der bildenden Künste, welche den 11., 12. und 13. Mai d.J. in Löschers Salon, Kärnthnerstrasse, Bürgerspital, freiwillig öffentlich versteigert wird, Wien 1863 (wohl WVZ Nr. 1019)

Literatur:
Rupert Feuchtmüller, Ferdinand Georg Waldmüller 1793-1865, Leben – Schriften – Werke, Wien/München 1996, WVZ, S. 504, Nr. 863 (Hier datiert auf 1853)

 

 

Hier ist es wirkliches Sonnenlicht, welches diese zum Theil ungemein lieblichen jungen Wesen bescheint, und die ganze Darstellung ist von der Art, dass wir kaum irgend ein Bild auf der ganzen Ausstellung zu nennen wüssten, welches wir lieber besitzen möchten als dies. (Kommentar der Breslauer Zeitung zu Waldmüllers späterer Fassung von 1860, gezeigt auf der Dresdner Ausstellung 1861)[1]

Die Genremalerei bildet in Ferdinand Georg Waldmüllers späterem Schaffen einen Schwerpunkt. Selbst aus einfachen Verhältnissen stammend, galt seine Vorliebe weniger dem bürgerlichen Leben, als dem Landleben und hier weniger dem Thema der Arbeit, als zwischenmenschlichen Themen wie beispielsweise der Caritas. In den Szenen des unverfälschten Lebens der ‚einfachen Leute’ erfüllt sich sein Ideal einer glücklichen Einheit von Mensch und Natur.

Waldmüller schildert ein familiäres Idyll. Eine Mutter vereint mit ihren sechs Kindern an einem Sonntagmorgen in einer Bleibe, Wohnung und Werkstatt zugleich, die der Familie das bescheidene Auskommen sichert. Die Mutter sitzt inmitten der Kinderschar, das Kleinste auf dem Schoß. Die Kinder sind in die Betrachtung von Andachtsbilder versunken, neben den älteren Mädchen liegt auf dem Boden ein aufgeschlagenes Buch. Eines der jüngeren Kinder isst seinen Brei. Waldmüllers moralischer Appell an eine Gesellschaft, die sich gerade erst zu einer vierjährigen Schulpflicht durchgerungen hatte, ist unübersehbar. Der Hunger nach Arbeitskraft in der frühen Industrialisierung machte auch vor Kindern nicht halt. Kinderarbeit war graue Normalität. So investiert die Mutter mit der Bildung ihrer Kinder weitsichtig in deren Zukunft, in der Hoffnung ihnen ein Auskommen zu sichern.

In der Feinheit der Darstellung ist Waldmüller ganz von den alten Meistern inspiriert. Die Werke Hans Holbein des Jüngeren oder die niederländischen Feinmaler konnte er in den kaiserlichen Sammlungen studieren und kopieren. Unser Gemälde zeichnet sich durch eine präzise und naturgetreue Wiedergabe des Lichtes und der unterschiedlichster Texturen aus.

Viele Gemälde seines Spätwerks hat der zu Berühmtheit gelangte Künstler mehrfach wiederholt, was uns eine Vorstellung ihrer Beliebtheit im zeitgenössischen Wien und weit darüber hinaus gibt. So existiert das hier präsentierte Gemälde in einer späteren Wiederholung von 1860 (WVZ Nr. 1019).

Waldmüller kommt 1793 in Wien als einziges Kind zur Welt. Trotz der finanziell schwierigen Lage der Familie, der Vater stirbt früh, wird sein Talent erkannt. Gegen den Willen von Mutter und Vormund ist er bereits mit 14 Jahren an der Wiener Akademie eingeschrieben. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich als Miniaturist und Porträtist. Von jeher ein Rebell, ein Charakterzug der sein Leben wohl nicht vereinfacht hat, verfolgt er vehement seine eigenen Ideen. In der in Kunstkreisen erbittert geführten Realismusdebatte seiner Zeit sprach er sich klar für die ungeschönte Naturnachahmung jenseits gängiger Bildkonventionen aus. Sein unbeugsamer Geist und die streitbaren Reformschriften[2] die er in seiner Zeit als Akademielehrer verfasste, machten ihm immer wieder große Schwierigkeiten und führten in letzter Instanz zu seiner Suspendierung und frühzeitigen Entlassung aus dem Akademiebetrieb. Zu spät, erst 1864, ein Jahr vor seinem Tod, erlangte er mit einer ihm zuerkannten Pension wenigstens finanzielle Rehabilitation.

Waldmüller porträtierte neben den Kaisern Österreichs auch die Gesellschaftsschichten des Landes, den Adel, das aufstrebende Bürgertum ebenso wie die einfache, in Armut lebende Bevölkerung. Vom Porträt ausgehend malt er bald auch Landschaften, Interieurs und Genre. Seine Malerei ist getrieben von einem Streben nach Wahrheit. In seiner Tätigkeit als Lehrer an der Akademie, ebenso wie in seinen Traktaten zur Maltheorie, hat er die Naturbeobachtung als Grundlage jeder malerischen Tätigkeit gefordert und findet damit die adäquate Antwort auf die neue Weltsicht eines aufgeklärten, gebildeten Bürgertums. In seinen Genrebildern führt das Streben nach Wahrheit auch zu sozialer Kritik. So verweist er, besonders im Spätwerk, immer wieder auf das gesellschaftliche Unrecht und die Armut in der große Teile der Bevölkerung leben müssen. Unbeirrbar hing er seinen Grundsätzen an, auch, als sich im Verlauf des Jahrhunderts andere Tendenzen in den Vordergrund schoben.

Lange Zeit hat die Nachwelt den modernen Aspekt der Kunst Waldmüllers nicht erkannt, sondern nur die biedermeierliche Restaurationzeit gesehen. Erst im 20. Jahrhundert wurde ihm die verdiente Anerkennung als einem der großen österreichischen Porträtisten und Landschafter des 19. Jahrhunderts zu Teil. Sein Realismus und seine Beobachtungsgabe sind die Wegbereiter jener Blüte, die das Porträt in der Wiener Moderne um 1900 erleben sollte.[3] Heute gilt er als der bekannteste österreichische Maler des 19. Jahrhunderts.[4] Werke seiner Hand finden sich in den großen Museen Europas, Russlands und Nordamerikas.


[1] Höchstwahrscheinlich bezieht sich das Zitat auf die spätere Version von 1860 (WVZ Nr. 1019), die wohl auf der Dresdner Ausstellung zu sehen war.

[2] Waldmüllers komplette kritische Schriften sind u.a. abgedruckt in: Rupert Feuchtmüller, Ferdinand Georg Waldmüller 1793-1865, Leben – Schriften – Werke, Wien/München 1996, S. 329-413. Arthur Roessler, Gustav Pisko, Ferdinand Georg Waldmüller. Sein Leben, sein Werk und seine Schriften, Wien 1907, Bd. 1.

[3] Facing the modern. The Portrait in Vienna 1900, Kat. Ausst., Oktober 2013 - Januar 2014, London, The National Gallery, London 2013.

[4] Sabine Grabner, ‚Fedinand Georg Waldmüller – Künstler und Rebell’, in Agnes Husslein-Arco, Sabine Grabner (Hgg.), Ferdinand Georg Waldmüller, Kat. Ausst. Paris, Musée du Louvre, Februar - Mai 2009, Wien, Belvedere, Juni - Oktober 2009, S. 13.

Kommentare sind deaktiviert

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen