Friedrich Nerly

Friedrich Nerly
(Erfurt 1807 - 1878 Venedig)

Blick über den Bacino di San Marco in Venedig, um 1840

Öl auf Leinwand, 75 x 106 cm
Signiert im Vordergrund unten links F. Nerly f.

Gutachten von Dr. Wolfram Morath-Vogel, Erfurt, Juni 2019

Provenienz: (laut Angaben des Vorbesitzers)
wohl Markwart oder Olga Schenk Graf von Stauffenberg;
Alexandra Olga Maria Staelin, geborene Schenk Gräfin von Stauffenberg (1922-2016), Stuttgart, seit 1960 verheiratet mit Rolf Paul Georg Staelin (1913-1985);
in Erbfolge an deren Nachfahren

 

Das vorliegende Werk zeigt eine von Nerlys Lieblingsmotiven: An der Riva Cà di Dio stehend, blickt man in Richtung Westen auf den Bacino di San Marco und auf einen majestätischen Sonnenuntergang hinter den Kuppeln von Santa Maria della Salute. Mit den Kirchtürmen und dem Campanile wetteifern die hoch aufragenden Masten der sich im Hafenbecken aufgereihten Segelschiffe, Boote und Gondeln. Auf der rechten Seite, entlang der Fassaden des Palazzo Dandolo, heute Danieli, des ehemaligen Staatsgefängnisses bis zum Dogenpalast, wandert der Blick langsam über den Campanile und hin zur Piazzetta San Marco mit den Säulen des Heiligen Marco und Todaro und schließlich zur Biblioteca Marciana.

Nicht selten haben Nerlys Darstellungen einen nostalgischen Zug. Segelschiffe und Gondeln erinnern im Zeitalter der aufkommenden Dampfschifffahrt an vergangene Zeiten. In seinen Briefen wendet sich der Maler wiederholt gegen die zahlreichen zeitgenössischen Restaurierungsmaßnahmen.1

Friedrich Nehrlich, der sich in Italien Federico Nerly nannte, wurde 1807 in Erfurt geboren, und erhielt früh bei seinem Onkel Heinrich Joachim Herterich (1772-1852) Zeichenunterricht. Während seiner Ausbildung als Lithograph bei Johann Michael Speckter (1764-1845) in Hamburg traf Nerly den Schriftsteller und Kunstsammler Carl Friedrich von Rumohr (1785-1843), der eine wichtige Rolle als Förderer und Lehrer junger Künstler – so beispielsweise auch bei Franz Horny – spielte.

Nerly beleitete Rumohr ab Ende 1827 auf dessen dritte Italienreise. Im folgenden Jahr bereisten sie gemeinsam Norditalien, ehe Nerly schließlich allein nach Rom weiterreiste, wo er sich insgesamt sechs Jahre aufhalten sollte. Während seiner Ausflüge in die Umgebung Roms, nach Neapel und Süditalien, fertigte Nerly Gemälde, vor allem aber Ölskizzen und Zeichnungen.2

Bereits der erste, lediglich als Abstecher geplante Besuch in Venedig mündete in eine Liebe auf Lebenszeit. Verheiratet mit einer Venezianerin, diente ihm der Palast Pisani als Wohnung und Atelier, welchen er wenige Jahre davor von dem bekannten Schweizer Malers Louis-Léopold Robert (1794-1835) übernommen hatte. Der Besuch seines Ateliers gehörte zu den Attraktionen des Venedig Aufenthaltes der Grand Tour Reisenden. Angeregt von der architektonischen Schönheit der herrlichen Paläste, der Kirchen, Plätze und Brücken, schuf er eine Vielzahl von Veduten, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Joseph Mallord William Turner, der von 1819-21 in Venedig arbeitete, inspirierte Nerlys romantisch geprägte Auffassung. Phantastische Lichteffekte, malerisch brillant umgesetzt, wie sie unsere Vedute auszeichnen, sind charakteristisch für Nerlys Kunst.3

 


1  Johannes Myssok, ‚Friedrich Nerly in Venedig’, in MDCCC 1800, Università Ca' Foscari, Venedig, Bd. 1, Nr. 1, 2012, S. 58-9: https://edizionicafoscari.unive.it/media/pdf/article/mdccc-1800/2012/1/art-10.14277-2280-8841-MDCCC-1-12-4.pdf

2 Friedrich Nerly und die Künstler um Carl Friedrich Rumohr, Kat. Ausst. Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, Kloster Zismar und Landesmuseum Mainz 1991, S. 14.

3 Friedrich Nerly, op. cit., S. 12, Anm. 24.

Kommentare sind deaktiviert

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen