Gustave Courbet

Gustave Courbet (Ornans 1819 - 1877 La Tour-de-Peilz)

Vagues, « Paysage de Mer », Normandie, 1869

Öl auf Leinwand
Unten rechts signiert G. Courbet.

49,2 x 65,2 cm
Jean-Jacques Fernier hat die Eigenhändigkeit Courbets und eine Datierung um 1869 bestätigt. Er wird das Werk in den Catalogue Raisonné, Bd. III, aufnehmen.

Provenienz:
Süddeutsche Privatsammlung

 

Das Gemälde gehört zu jenen Werken, die Courbet zwischen 1865 und 1869 während seiner Aufenthalte an der normannischen Küste in Trouville und Etretat schuf.[1] Er selbst bezeichnete sie als paysages de mer[2]. Einige dieser Gemälde stellen Brandungswellen bei schwerem Wetter dar. Die französische Literatur betitelt diese La Vague, die deutsche Literatur verwendet den Begriff Wogenbilder. Diese Gemälde entstanden en plein-air oder in einem der unmittelbar am Strand gelegenen Häuser, welche Courbet in den jeweiligen Orten gemietet hatte.[3] Guy de Maupassant erinnert einen Besuch in Etretat im September 1869: In einem weiten kahlen Raum warf ein dicker, verschmierter, schmutziger Mann mit einem Küchenmesser Häufchen weißer Farbe auf eine große leere Leinwand. Hin und wieder drückte er sein Gesicht gegen die Fensterscheibe und betrachtete das Unwetter. Die Brandung kam so nah heran, dass sie das Haus in Gischt und Geräusch zu hüllen schien. Das Salzwasser schlug wie Hagel an die Scheiben und rann an den Wänden herab. Nun, dieses Werk wurde „Die Woge“ und machte Unruhe in der Welt.[4]

Einige der Wogenbilder, besonders jene großen Formats, vollendete Courbet in seinem Pariser Atelier. Angesichts der motivischen Ähnlichkeit erstaunt ihre Variationsbreite, die der Künstler durch die wiederholte, direkte Anschauung vor der Natur erreicht hat. Die Bilder entstanden an unterschiedlichen Tagen und Tageszeiten. Entsprechend variieren Wetterlage, Bildausschnitt, Wellengang und Lichtsituation. Zweifellos bilden sie den Höhepunkt innerhalb Courbets paysages de mer. Jedes einzelne dieser Gemälde ist eine autonome Schöpfung.

Die vorliegende Version zeigt eine die Bildbreite einnehmende Brandungswelle unter schweren, dunklen Gewitterwolken. Das Auftragen der pastosen Farbschichten erfolgte größtenteils mit dem Palettmesser. Die sonnenbestrahlten Ränder der obersten Wolken leuchten weiss. Darüber wird der blaue Himmel sichtbar. Im Gegensatz zu den meisten Wogenbildern verläuft die Horizontlinie unterhalb der Bildmitte, wodurch den dramatischen Wolkenformationen mehr Aufmerksamkeit zuwächst. Bei vielen Wogenbildern wählte Courbet zwei Perspektiven: ein tiefer Augenpunkt emphasiert in der Unter- und Nahsicht die Naturgewalt der sich auftürmenden Welle, ein Augenpunkt oberhalb der Wasserlinie führt den Blick zum Horizont, über dem sich die Wolken ballen.[5]

Bereits kurz nach Courbets Tod wurde der Besitz eines Wogenbildes zum Desiderat vieler Galerien und Sammler zeitgenössischer Malerei.[6] Unser Gemälde steht hinsichtlich der Wogenbildung, des Wolkenformation, seines tiefen Horizonts und der Auslassung des Strandes im Vordergrund in enger Verwandtschaft zu einer Fassung, ebenfalls aus dem Jahr 1869, die sich im Besitz des Kunsthändlers Durand-Ruel befand.[7] Ein 1870 datiertes, im Atelier vollendetes Gemälde, das sich heute im Phoenix Art Museum, Arizona befindet, zeigt das Meer bei ähnlichem Wetter mit vergleichbarer Wellen- und Wolkenformation (Abb. 1)[8].

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Abb. 1 Gustave Courbet, La Vague, 1870

Gustave Courbet zählt zu den zentralen Neuerern der Malerei seiner Zeit. Wie kein anderer Maler dieser Generation hat er die europäische Malerschulen, besonders jene in Deutschland, geprägt. Er wurde 1817 in Ornans bei Besançon als Sohn eines wohlhabenden Landbesitzers geboren, was ihm ein Leben in finanzieller Unabhängigkeit ermöglichte. Seit 1839 lebte er in Paris und bildete sich weitgehend autodidaktisch durch Studien nach der Natur und nach Werken alter Meister wie Diego Velazquez, Rembrandt, Frans Hals und Caravaggio, die er im Musée du Louvre studierte. 1844 debütierte er im Salon. Nachdem die Jury die Teilnahme Courbets an der Weltausstellung 1855 abgelehnt hatte, reagierte er provokant mit einer eigenen Ausstellung von 40 Werken unter dem Titel Le réalisme. Die Freundschaft zu republikanisch gesinnten Intellektuellen, wie Proudhon und Baudelaire, bestärkte Courbet auf seinem Weg zu einer realistischen, der Wahrheit – vraie vérité – verpflichteten Malerei. Unter Napoleon III. politisch verfolgt, emigrierte Courbet 1873 in die Schweiz, wo er 1877 verstarb.


[1] Fernier, Robert, Gustave Courbet. Catalogue raisonné I/II, Lausanne/Paris 1977-78, Nr. 493-752. Die Ansichten der Felsen von Etretat und die Meeresansichten bei Ebbe und ruhigem Seegang stehen hier nicht zur Debatte.

[2] Courbet selbst gebrauchte diesen Terminus wiederholt, erstmals in einem Brief aus der Normandie an seine Eltern vom 17. November 1865, vgl. Petra ten-Doesschate Chu, Correspondance de Courbet, Paris 1996, Nr. 65-16, S.240.

[3] Von September bis November 1865 hielt Courbet sich gemeinsam mit Monet und James McNeill Whistler zum ersten Mal an der normannischen Küste bei Trouville auf. 1869 kehrte er dorthin zurück. Desgleichen weilte er von September bis Oktober 1866 gemeinsam mit Boudin und Monet sowie gemeinsam mit Narcisso Virgilio Diaz de la Peña im August und September 1869 in Etretat.

[4] Maupassant, Guy de, La vie d’un paysagiste (Etretat, septembre), in : Gil Blas, 28, septembre 1886, S.1

[5] Das Thema der doppelten Horizontlinie und die damit verbundene Frage nach dem eigentlichen Gegenstand der Meereslandschaften Courbets (Himmel oder Meer), wurde bereits zu dessen Lebzeiten erörtert und bis heute in der Literatur diskutiert. Courbet selbst äußerte sich zum Thema mehrfach distanzierend: Was sind Blickpunkte? Gibt es überhaupt Blickpunkte? Wo ich mich aufstelle…, das ist gleichgültig; es ist immer richtig, wen man nur die Natur im Auge hat., zitiert nach Herding, Klaus, Gustave Courbet, in: Impressionisten, Städel Frankfurt, 1999, S. 24, Anm. 5

[6] 1878 Paris; 1881 Lyon; 1905 Bremen; 1906 Berlin; 1907 Frankfurt

[7] Fernier, op. cit. Nr. 705, Marine, 43 x 60 cm, signiert unten links G. Courbet., (1869)

[8] Fernier, op. cit. Nr. 749, La Vague, 61 x 92 cm, signiert und datiert unten rechts G. Courbet. 70, 1870, Phoenix Art Museum, Arizona, Inv. Nr. 1959.87

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