Honoré Daumier

Honoré Daumier (Marseille 1808 - 1879 Valmondois, Val d’Oise)

Don Quijote und Sancho Panza, ca. 1865

Öl auf Papier auf Leinwand, 25,3 x 20,1 cm
Monogrammiert unten links h.D. (in die nasse Farbe geritzt)

Provenienz:
Ralebjan
Jungers, Paris (?)
Georges Petit, Paris (Januar 1923)
Paul Rosenberg, Paris
Sam Salz, New York
M. Knoedler & Co., New York
Duncan Phillips, Washington, D.C. (entliehen an die “Corot-Daumier”- Ausstellung, MOMA, 1930)
The Carstairs Gallery
Stanley N. Barbee, Beverly Hills CA.
Parke-Bernet Galleries Inc. New York, Auktion (The Stanley N. Barbee Collection,
20. April 1944, Lot Nr. 15)
Herman Schulman, New York
Nachlass Herman Schulman, Israel (1944)
Privatsammlung, England

Ausstellungen:
L’École française du XIXe siècle, Geneva, Musée d'Art et d’Histoire 1918, Nr. 48
Daumier-Gavarni, Paris, Maison Victor Hugo 1923, Nr. 10 (?)
Corot-Daumier, New York, Museum of Modern Art, 16. Oktober-23. November 1930,
Nr. 49
Daumier: Visions of Paris, London, Royal Academy of Arts 2013, 26. Oktober 2013-26. Januar 2014, Nr. 104

Literatur:
Duncan Phillips, A Collection still in the Making, New York 1927, Abb. XIII
Alexandre Arsène, Daumier. Maîtres de l'art moderne, Paris 1928, Abb. 47
Eduard Fuchs (Hg.), Der Maler Daumier. Zweite, durch einen umfangreichen Nachtrag vermehrte Auflage, München 1930, S. 52, Abb. 162
Karl Eric Maison, Honoré Daumier: A Catalogue Raisonné of the Paintings, Watercolors, and Drawings, Bd. 1, London 1968, I-172, Abb. 151
P. Georgel, Gabriele Mandel, Tout l’Oeuvre Peint de Daumier, Paris 1972, Nr. 231
Johannes Hartau, Honoré Daumier. Don Quijote: Komische Gestalt in großer Malerei, Frankfurt a. Main 1998

Honoré Daumier schuf knapp 80 Darstellungen in Zeichnung, Druckgraphik und Malerei basiert auf den Roman El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha, veröffentlicht von Miguel de Cervantes (1547-1616) in zwei Teilen, in den Jahren 1605 bzw. 1615. Damit nehmen Daumiers Darstellungen der absurden „Heldentaten“ des selbsternannten Edelmannes neben anderen Themenkomplexen wie der Welt des Theaters oder der Jurisprudenz innerhalb seines Oeuvre den größten Raum ein. Bei einem so stark dem Realismus verpflichteten Künstler mag die Faszination für einen fiktiven Stoff zunächst befremden. Sie erschließt sich aber über Daumiers Freude an der Karikatur, die bestimmte menschliche Verhaltensweisen besonders prägnant zur Geltung bringen kann. Umso überraschender ist es, dass diese Darstellungen zu Daumiers Lebzeiten wenig bekannt waren und erst nach und nach wiederentdeckt wurden.

Cervantes’ Held Don Quijote lebt in der realitätsentrückten Welt der Ritterromane. Bravourös besteht er vermeintliche Abenteuer, die jedoch meist blamabel für ihn enden und ihn der Lächerlichkeit preisgeben. Bei seinen Ausritten begleitet ihn als „Stallmeister“ der Bauer Sancho Panza, der in jeder Beziehung das Gegenteil seines Herrn ist. Die Ungleichheit des Paares – der kleine, dicke und lebenstüchtig veranlagte Bauer auf dem gedrungenen Esel und sein lang aufgeschossener, hagerer, in einer Phantasiewelt lebender Herr auf einer dürren Mähre – muss Daumiers Sinn für Komik und Karikatur auf äußerste angeregt haben. In der Gestalt des Don Quijote fand er seinen tragikkomischen Universalhelden, der zwischen Wirklichkeit und Traum lavierend, unfähig ist Ideal und Realität zu unterscheiden.

Im Januar 1851 stellte Daumier im Pariser Salon zu Don Quijote eine erste Studie aus, Don Quijote im Gebirge.[1] Während der folgenden 20 Jahre variierte er das Thema dann immer wieder neu. Dabei stellte er den Ritter alleine dar, zusammen mit Sancho Panza, beim Ausritt, während der Rast und in verschiedensten Episoden, oft mit seinem Gaul Rosinante.

Die vorliegende Darstellung, Panza Don Quijote bei dessen Ausritt folgend, hat Daumier auch in mehreren Zeichnungen studiert, wobei oftmals beide Männer nebeneinander zu sehen sind. Unserem Gemälde liegt eine andere Idee zugrunde: Reizvoll entrückt in vager Ferne die Figur Don Quijotes, dessen prägnante Silhouette sich gegen den blauen Himmel abhebt, während der treue Begleiter Panza voluminös den Vordergrund besetzt.

Eine in ihrer Komposition fast identische Variante des Gemäldes befindet sich in der Burrell Collection, Glasgow.[2] Allein Rosinante geht dort in ruhigem Schritt, während sie hier stürmisch vorangaloppiert. Der in loyaler Gefolgschaft hinterher reitende Sancho Panza auf dem Esel, mit gesenktem Haupt in sein Schicksal ergeben, ist auf beiden Fassungen annähernd gleich. Durch die Verwendung von Bitumen ist das Glasgower Gemälde merklich nachgedunkelt und starkem Craquelés durchsetzt, wohingegen die vorliegende Fassung erstaunlich frisch ist und der Pinselstrich sichtbar lockerer. Zarte Binnenzeichnungen, dünne Lasuren und pastoser Auftrag wechseln einander ab und verleihen dem kleinen Gemälde große Lebendigkeit und Präsenz.

Die Datierung wird in der Literatur etwas unterschiedlich angegeben, lässt sich aber im Vergleich mit den Varianten[3] in die Zeit um 1864-65 eingrenzen und ist damit eine der frühen Fassungen.


[1] Maison I-33, datiert um 1850.

[2] Maison Nr. I-171.

[3] Auf die Komposition dieser beiden Fassungen geht eine wohl spätere geschaffene Variante zurück, deren Malweise gegenüber dem raschen, skizzenhaften Duktus der hier gezeigten geglättet wirkt (Maison Nr. I-206, 1866-68). Hier erscheint der Ritter gegenüber Panza nicht mehr erhöht, dennoch zeichnet sich seine von Daumier so geschätzte hagere Silhouette vor dem hellen Ausblick in ein Gebirgstal deutlich ab. Aus dieser Komposition wiederum leiten sich zwei Querformate des Sujets ab (Maison I-207 und Maison II-47).

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