Horace Vernet

Horace Vernet (1789 - Paris - 1863)

Studie für das Gemälde 'Die Cholera an Bord der Fregatte Melpoméne', 1833-1834

Öl auf Papier auf Leinwand, 38 x 31 cm
Signiert und datiert unten links Vernet Aout 183[.] Rückseitiges Etikett der Nachlassversteigerung E. Hildebrandt, Vernet / Der Ausbruch der Cholera auf einem französischen / Kriegsschiffe [...]

Provenienz:
Sammlung Eduard Hildebrandt (1817-1868)
Nachlassversteigerung Hildebrandts, 4. März 1869, Berlin, im Wohnhaus des Malers, Los 183, verkauft für 350 Thaler[1] Privatsammlung, England

 

What a tale of misery and despair is here told by the pencil[2] (Julia S. H. Pardoe, 1838)

Vincent-Marie Moulac, Kapitän der Fregatte Melpoméne – benannt nach der Muse der tragischen Dichtung und des Trauergesangs - musste auf dem Weg von Brest nach Alger Ende Juni 1833 Lissabon anlaufen, wo eine Choleraepidemie wütete. Seine Mannschaft infizierte sich und in wenigen Tagen starben an die zwanzig seiner Matrosen; einige Kranke wurden in Lissabon zurückgelassen. Am 11. Juli erreichten sie Toulon mit weiteren neun Toten. Der Besatzung wurde der Landgang verweigert und das komplette Schiff für mehrere Monate unter Quarantäne gestellt. Nur vierundzwanzig Besatzungsmitglieder überlebten. Dafür wurde Toulon von der Cholera verschont – die Besatzung opferte sich um das Überleben der Einwohner zu sichern.[3]

Dieses Ereignis, ein Beispiel für zivilen Gehorsam, wählte Horace Vernet als Sujet für ein monumentales Gemälde, welches die Stadt Marseille für den Ratssaal ihrer Gesundheitsbehörde bei ihm bestellt hatte (Abb. 1). Dort befanden sich bereits Pierre Pugets Marmorrelief Pest in Mailand und Jacques-Louis Davids Hl. Rochus. Die Gesundheitsbehörde von Marseille hatte zusammen mit Vernet noch zwei weitere Künstler mit der Anfertigung großformatiger Katastrophenbilder beauftragt, um den Zyklus für den Ratssaal zu vervollständigen. Die Wahl des Sujets musste sich auf eine Seuche wie beispielsweise die Pest beziehen. Die Ausgestaltung war den Künstlern anheim gestellt.[4]

 

Abb. 1 Horace Vernet, Die Cholera an Bord der Fregatte Melpoméne, Öl auf Leinwand, 273 x 192 cm, signiert und datiert Horace Vernet, Rome 1834

 Am 13. August 1833 präsentierte der Schatzmeister der Marseiller Gesundheitsbehörde Vernet das Projekt, im Oktober nahm der Maler für ein Honorar von 8.000 Francs den Auftrag an. Er bekleidete zu dieser Zeit das hoch angesehene Amt des Direktors der Villa Medici in Rom (1829 bis 1834). Ende November 1833 entschied sich Vernet für das Schicksal der Melpoméne als Motiv. Es entstanden erste Skizzen und Ölstudien, zu denen wohl auch vorliegende Arbeit gehört. In einem Brief vom 11. September 1834 kündigte er die Fertigstellung des Gemäldes für Ende des Jahres und die Verschiffung für Anfang 1835 an. Das Gemälde erreichte Marseille im Frühjahr 1835.[5] Kurze Zeit später, eine Ironie des Schicksals, wurde die Stadt von einer Choleraepidemie heimgesucht und die von Vernet dargestellten Schrecken lebendig.

Vorliegende Ölstudie war sicherlich zur Klärung kompositorischer und inhaltlicher Fragen gedacht. Sie kann eigentlich nur im August 1833 oder 1834 entstanden sein. Unter Deck wird einem Schiffsjungen, dessen Augen vor Schreck geweitet sind, vom Arzt der Melpoméne der Puls gemessen. Alle Beteiligten wissen um die Ausweglosigkeit der Situation. Eine Erkrankung kommt einem Todesurteil gleich. Im Vordergrund sieht man verzweifelte Sterbende und einen Toten. Besonders diese drastische Vordergrundszene mit dem in perspektivischer Verkürzung dargestellten Toten erinnern an Werke Théodore Géricaults, den Vernet so besonders verehrte und an den ihn eine lebenslange Freundschaft band.[6] Die Änderungen, welche die Endfassung von der Studie unterscheiden, beziehen sich dann auch vor allem auf den Vordergrund. Womöglich war Vernets prima idea der Auftrag gebenden Behörde doch zu drastisch. Jedenfalls geht es in der Endfassung deutlich narrativer zu. Dem Schiffsarzt zur Seite gestellt ist ein älterer Schreiber der, einem Vertreter der Behörde gleich, die Vorkommnisse ordentlich in ein Logbuch einträgt.[7] Das Sterben im Vordergrund hat viel von seiner Direktheit verloren und erinnert jetzt eher an eine Grablegung Christi.

Unsere Ölstudie kommt aus dem Nachlass des Malers Eduard Hildebrandt (1817 Danzig- Berlin 1868). Er weilte ab 1841 in Paris, als Schüler von Eugéne Isabey (1803-1886), der seinerseits mit Horace Vernet befreundet war. Unbekannt ist, unter welchen Umständen die Studie in Hildebrandts Besitz kam und von dort in eine englische Privatsammlung.[8]

Horace Vernet, bekannt als Militär- und Porträtmaler, stammt aus einer renommierten Künstlerfamilie. Sein Großvater, Joseph, ist der berühmte von Ludwig XV. protegierte Marinemaler, sein Vater Carle, der anfänglich der neoklassizistischen Schule folgte, wurde berühmt als Schlachtenmaler. Die napoleonischen Kriege der Kaiserzeit übten einen starken Einfluss auf das Schaffen von Horace Vernet aus. Als enthusiastischer Anhänger des Kaiserreiches wurde er zum vornehmlichen Illustrator des Lebens Napoleons. Bekannt ist er vor allem für seine patriotischen Darstellungen des französischen Militärs und seine Schlachtenszenen. Sein Werk umfasst jedoch ein breites Spektrum unterschiedlicher Themen aus Literatur, Bibel und zeitgenössischer Historie.

Nachdem Vernet als Direktor der Französischen Akademie in Rom gearbeitet hatte kehrte er 1835 nach Paris zurück, wo er durch die Gunst des neuen Régimes unter Louis-Philippe mit einer enormen Produktion beginnt, u.a. mit der Ausmalung der Galerie von Versailles. Er wird zum offiziellen Maler der folgenden Regierungen und des zweiten Empire. Zahlreiche Reisen führten ihn ab den 1840er Jahren nach Algerien, Ägypten und nach Russland.


[1] Vgl. Verzeichniss der von dem Hofmaler Prof. Hildebrandt hinterlassenen Sammlung älterer und modernerer, fremder und eigener Oelbilder, Aquarellen, Zeichnungen und Skizzen, welche am 4. März und folgenden Tagen in der Wohnung des Verewigten am Kupfergraben No. 6A öffentlich an den Meistbietenden versteigert werden sollen, Berlin 18869, S. 31, Los 183.

[2] Beschreibung des Gemäldes von Julia S. H. Pardoes The River and the Desert; or Recollections of the Rhone and the Chartreuse, Philadelphia 1838, Brief XIII, S. 90-92.

[3] Vgl. Carl Hergt, Geschichte der beiden Cholera-Epidemien des südlichen Frankreichs in den Jahren 1834 und 1835, Koblenz 1838, S. 28-29.

[4] Alle Werke befinden sich heute im Musée des beaux-arts de Marseille: Pierre Puget, Marmorrelief Hl. Borromäus und die Pest in Mailand, 1730; Jacques-Louis David, Hl. Rochus betet für die Pestkranken vor der Madonna, 1779, Öl auf Leinwand, 260 x 195 cm; Paulin Guérin, Beerdigung von Pestkranken, Öl auf Leinwand, 261 x 195 cm; Francois Gérard, Bischof de Belsunce bei der Pest 1720 in Marseille, Öl auf Leinwand, 258 x 191 cm.

[5] Vgl. Claudine Renaudeau, Horace Vernet (1789-1863): catalogue raisonné de l'oeuvre peint, Paris 1999, S. 176.

[6] Vgl. Nina Athanassoglou-Kallmyer, Théodore Géricault, London 2010, S. 15-16. Als Beispiel für Vernets Nähe zu Géricault sei das Gemälde Das Floss der Medusa, 1819, Öl auf Leinwand, 491 x 716 cm, Paris Louvre, Inv. Nr. 4884 angeführt.

[7] Vgl. Claude Jasmin, 'Miasmes délétères à bord de la Melpomène', in Rives nord-méditerranéennes, Nr. 22, 2005, S. 10: http://rives.revues.org/508 (02.10.2014).

[8] Gerd-Helge Vogel. 'Hildebrandt, Eduard', in Allgemeines Künstlerlexikon, Berlin, Boston 2014: http://www.degruyter.com.akl.emedia1.bsb-muenchen.de/view/AKL/_00120666 (02.10.2014).

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