Jan Steen

Jan Steen
(1626 - Leiden - 1679)

Der Alchemist, 1668

Öl auf Leinwand, 106 x 82 cm
Signiert und datiert unten links: JSteen1668 (die Initialen JS ligiert)

Provenienz:
Wohl Sir Robert Strange (1721‐1792), London, 1771;
Auktion London, 1771 (unbekanntes Datum), für 10 Pfund und 15 Shilling an Lord Clive1;
Sir Francis Bourgeois (1753‐1811), London2;
Samuel Jones Loyd, 1st and only Lord Overstone (1796‐1883), 2 Carlton Gardens, London, 18543;
Durch Erbschaft an seine Tochter, Lady Harriet Sarah Loyd‐Lindsay Wantage, née Overstone (1837‐1920), verheiratet mit Robert James Loyd Lindsay, 1st and only Baron Wantage (1832‐1901);
Earl of Crawford and Balcarres, London, 19264;
Jacques Goudstikker, Herengracht 458, Amsterdam, 1927, Inv. Nr. 15;
Wohl Mr. Schuddebeurs, Amsterdam, unbekanntes Datum6;
Hans C.W. Tietje, Amsterdam7;
Verkauft durch diesen an Daniel Wolf (1898‐1943), ‘Groot Haesebroek’, Wassenaar, April 1938, fl. 75.0008;
Unberechtigt verkauft von Ms. De Vries Reilingh an Alois Miedl, Goudstikker Gallery, Amsterdam, Juli 1940, fl. 23.0009;
Verkauft durch diesen an Galerie Maria Almas‐Dietrich, München für Sonderauftrag Linz, RM 79.620, versandt nach Linz am 12 September 1940, Inv. Nr. 99410;
München, Munich Central Collecting Point Juni 1945, Inv. Nr. 1656;
Restituiert an die Erben von Daniel Wolf durch das SNK (Stichting Nederlands Cultuurbezit) 31. März 194811;
Privatsammlung, Niederlande.

Literatur:
Catalogue of pictures by Italian, Spanish, Flemish, Dutch, French and English masters, exhibition catalogue, London, British Institution, 1850;
Gustav Friedrich Waagen, Treasures of Art in Great Britain (…), London 1854, Bd. 3, S. 27 und Band 4 (Ergänzung), S. 137 (beschrieben als im kleinen Salon hängende Malerei des Lord Overstone, Carlton Gardens, London);
Exhibition of the works of the Old Masters, associated with works of Deceased Masters of the British School, Katalog der Ausstellung, London, Royal Academy of Arts, 1871, S. 19, Nr. 196 (geliehen von Lord Overstone);
Robert James Loyd-Lindsay Wantage et. al, Collection of pictures forming the collection of Lord and Lady Wantage (…), London, 1902, Kat. Nr. 221 und 1905, S. 155, Kat. Nr.221;
Cornelis Hofstede de Groot, Beschreibendes und kritisches Verzeichnis der Werke (…), Esslingen 1907, Nr. 229/231 (mit unzutreffenden Maßangaben);
Wilhelm Martin, ‘De Jan Steen tentoonstelling te Londen’, Onze Kunst, Bd. XVI, July-December 1909, S. 164;
Abraham Bredius, Jan Steen, The Hague 1927, S. 23, Tafel 96;
F.
Schmidt Degener, H.E. van Gelder, Jan Steen. Forty reproductions in photogravure of the artist’s principal works, with a critical study (…,) London 1927, S. 62-63, Nr. XXVI, mit Abbildung
Nieuwe Rotterdamsche Courant’, 24 November 1957, S. 2 Repr., (irrtümlicherweise 1669 datiert);
A.A.A.M. Brinkman, De alchemist in de prentkunst, Amsterdam 1982, S. 49, Abb. 12;
Karel Braun, Alle tot nu toe bekende schilderijen van Jan Steen, Rotterdam 1980, S. 120, Kat. Nr. 249, abgebildet S. 121, Nr. 249a;
John Ingamells, The Wallace Collection Catalogue of Pictures, IV, Dutch and Flemish, collection catalogue, London 1992, S. 360, unter Kat. Nr. P209;
Leon Krempel, Holländische Gemälde im Städel Museum, 1550-1800, Band 2: Künstler geboren 1615 bis 1630, Petersberg 2005, S. 287‐288, unter Inv. Nr. 898, Repr. Abb. 217;
Dana Kelly-Ann Rehn, The image and identity of the alchemist in seventeenth-century Netherlandish art, Dissertation, University of Adelaide, 2011, S. 126, Abb. 9.

Ausstellung:
Pictures by Italian, Spanish, Flemish, Dutch, French and English Masters, London, British Institution, 1850 und 1851, (geliehen von Lord Overstone);
Exhibition of the works of the Old Masters, associated with works of Deceased Masters of the British School, London, Royal Academy of Arts, Mai‐Juni 1871;
London, Dowdeswell Galeries, Loan exhibition of pictures by Jan Steen, 1909, Kat. Nr. 15 (geliehen von Lady Wantage, London);
Leiden, Stedelijk Museum De Lakenhal, 16 Juni - 31 August 1926, Kat. Nr. 50 (geliehen von Earl of Crawford and Balcarres, London);
Rotterdam, Museum Boijmans ‐ van Beuningen, unbekanntes Datum (geliehen von Mr. Schuddebeurs, Amsterdam, nach einem Schild auf der Rückseite).

Eingraviert:
François Godefroy (Bois‐Guillaume 1743 - 1819 Paris) rückseitig unter der Beschriftung Les souffleurs et le paisan crédule, circa 1758‐1783 (Abb. 2).

 

Sowohl der Ursprung der Alchemie, als auch der der Astrologie reicht bis in die Antike zurück. Ähnlich wie die Astrologie einen Einfluss der Gestirnkonstellationen auf den Menschen annimmt, sieht die Alchemie einen Einfluss der stofflichen Welt auf dessen Organismus, den es zu seinem Vorteil zu nutzen gilt. Im Europa der Neuzeit wird die Transmutation, die Verwandlung unedler Metalle in Gold, zu einem Hauptthema der Alchemie. Die Wahrnehmung des Alchemisten durch die Zeitgenossen ist gespalten. Die einen sehen in ihm den vergeblich suchenden Gelehrten, die anderen einen Scharlatan. Entsprechend vielfältig gestaltet sich die Ausseinandersetzung mit dieser Thematik in der Malerei. Besonderen Zuspruch fand das Thema im 17. und 18. Jahrhundert in den Niederlanden als Lehrstück der Moral, oft auch mit karikativen Zügen.

Die wichtigste Bilderfindung der Darstellung des obsessiven, aber erfolglosen Alchemisten, der seine ganze Energie in das sinnlose Unternehmen der Transmutation steckt, bis er sich und seine Familie ins Armenhaus bringt, ist sicherlich eine Zeichnung Pieter Bruegel d. Älteren Der Alchemist (siehe Abb. 1). Über Kupferstiche weit verbreitet, hat sie auch auf nachfolgende Künstlergenerationen gewirkt.

 

Abb. 1 Pieter Bruegel der Ältere, Der Alchemist, Braune Tusche auf Papier, 308 x 452 mm, Kupferstichkabinett Berlin, Inv. Nr. K.d.Z. 4399

In vorliegender Darstellung greift Jan Steen hingegen die andere gängige Wahrnehmung des Alchemisten als Scharlatan auf, der einfältige Menschen um ihr letztes Hab und Gut bringt. Schauplatz ist die Werkstatt des Alchemisten. Im Mittelpunkt steht eine weinende Frau mit einem kleinen Jungen, der traurig auf den Betrachter blickt. Prominent in der Bildmitte platziert liegt ihr leerer Geldbeutel auf dem Boden. Der Alchemist und seine Kumpane haben sie überredet, ihren Schmuck und ihr letztes Geld für eine Transmutation zu geben. Besonders die wenig Vertrauen erweckenden Helfer im Hintergrund, der Buckelige und der Schreiber, wirken wie Bösewichte aus einem Schmierenstück. Der eine liest der Frau aus einem Traktat vor, um sie im Glauben an das Gelingen der Transmutation zu bestärken. Der Alchemist sucht den Blickkontakt zu ihr. Vertrauen stiften soll auch die an der Wand gut sichtbar hängende Rezeptur, welche auf THEOFRASTUS/ PARESELSIS ESHO12 verweist, jenen Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus (1493-1541), der sagenumwobene Arzt, Alchemist und Astrologe, der sich mit der Transmutation beschäftigte und nach dem Elexier des Lebens suchte.

Wichtig für das Verständnis der Szene ist, dass die Frau nicht etwa Buntmetall oder Blei zur Transmutation abgegeben hat, sondern Silberschmuck und ein Silberstück – das sie im Begriffe ist, an die Betrüger zu verlieren. Diese Interpretation der Szene stützt auch das kleine Gedicht auf dem Nachstich des vorliegenden Gemäldes von François Godefroy (1743-1819):

LES SOUFFLEURS ET LE PAISAN CRÉDULE
Aux larme de la femme insensible butor
Crois-tu de ses bijoux sortir de l’or?
Ce Métal précieux est produit par la Terre
Et jamais le creuset n’en peut être le Père.
De ces vils Imposteurs évite les appas
Ils promettent beaucoup, mais ils ne tiendront pas
.

 

Abb. 2 François Godefroy, nach Jan Steen, Les souffleurs et le paisan crédule, Kupferstich, bez. auf der Rückseite nach Steen, 331 x 254 mm.13

Lyckle de Vries charakterisiert Steens Oeuvre 1996 in seinem Beitrag für die Steen Ausstellung der National Gallery, Washington, treffend: “Schon vor Theophile Thore-Bürgers 1858 erfolgter Charakterisierung Jan Steens als eines ‘Malers von Komödien’, haben andere das humorvolle Erzählen als Kern des Steenschen Werkes erkannt. Mehr als einmal wurde er der Moliere der Maler genannt. Alles malerische Talent folgte diesem narrativen Interesse. Die malerische Umsetzung, manchmal sehr fein, öfter auch ohne Sorgfalt im Detail, dient immer dem Inhalt. Dieser Inhalt, selten direkt benannt, ist die Veranschaulichung allseits bekannter Lebensweisheiten: der zehn Gebote und tausend Verbote. Das bedeutet aber keineswegs, Stehen solle als ein missmutiger Moralist gesehen werden. Er war eher ein Künstler mit kabarettistischem Talent, ein Komödiant, der sein Publikum mit den traditionellen Werten und Wahrheiten konfrontierte, die es liebte und der sich dazu nicht des Wortes, sondern der Farbe bediente. Allerdings verleiht Steens provozierende Präsentation der moralischen Botschaft eine unerwartete Aktualität. Die Entscheidung zwischen Gut und Böse ist genauso klar wie die Position des Publikums. Auch wenn der Betrachter kurzzeitig in einem Zustand amüsierter Verwirrung versetzt wird, schlussendlich sind es immer ‘die Anderen’, die für ihr törichtes Verhalten verspottet werden.”14

Auch eine literarische Quelle mag Steens Darstellung des Alchemisten beeinflusst haben. 1619 veröffentlichte Richard Verstegen 72 Charakterstudien in Prosa mit dem Titel Scherp-sinnighe characteren; drei Jahre später dann eine erweiterte Version Honderdt Geestige Caracteren, ofte Uitbeeldingen van Honderdt Verscheidene Personen, mit nicht weniger als 100 Charakterstudien aus allen Schichten der Gesellschaft. Er gibt eine treffende Beschreibung des Alchemisten und betont das törichte Vertrauen, welches Leute wie die Bauersfrau in seine Hände legen:
“Een Alchemist is het Voedtster-kindt van de hoop, die hem altos mamt, en nimmermeer speent.”15 Er endet mit einem Gedicht, welches gut zu Steens Karikatur des Alchemisten passt:

Bedroefde Zoekeren, van ‘t geen gy noit zult vinden, Beklgelyker, dan belacchelyk gehoopt,
Of wel van beids, mits gy nog steedts, gelyk d’ontzinden, Voor eer, gezondheit, geldt, en arbeidt Niten koopt: Strekt ‘t noit gevondenen geen baken voor uw quisten? Zo zeg op ‘t laatst met haar, ô Wee! Ons Algemisten.”16

Abb. 3 Jan Steen, Der Alchemist, Öl auf Leinwand, 34 x 28,5 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Inv. Nr. 898.

Unser Gemälde, 1668 entstanden, fällt in Jan Steens reife Haarlemer Periode. Im gleichen Jahr schuf er noch zwei weitere Darstellungen von Alchemisten. Besonders zu erwähnen ist jene unserem Gemälde sehr ähnliche Version im Frankfurter Städel Museum (siehe Abb. 3). Neben den geringeren Maßen ist die Staffage um eine Figur reduziert und der Werkstatteingang durch ein Fenster ersetzt. Wouter Kloek sieht in diesem Werk eine Vorstufe zu dem hier vorgestellten. Somit ist das vorliegende Gemälde, mit seiner bis in das 18. Jahrhundert zurückreichenden Provenienz17 nicht nur ein wichtiges Werk in Jan Steens Oeuvre, sondern auch eine der letzten Alchemisten Darstellungen Jan Steens in privater Hand.

Wir danken Wouter Kloek, emeritierter Chefkurator am Rijksmuseum Amsterdam, der die Autorschaft Jan Steens nach Inaugenscheinnahme bestätigt hat.

 

 


1 Cornelis Hofstede de Groot, siehe Literatur.

2 Landschafts- und Historienmaler, Sir Francis Bourgeois war und Hofmaler von König George III (1738-1820). Er wurde zusammen mit Margaret und Noel Desenfans Kunsthändler und -sammler.

3 Samuel Jones‐Loyd, Bankier und Politiker, trug eine wichtige Gemäldesammlung zusammen. Er war Teil des Consortiums welches 1846 die Sammlung niederländischer und flämischer Malerei aus dem Nachlass von Baron Johan Gijsbert Verstolk van Soelen (1776-­‐1845) erwarb.

4 1920 nach dem Tod von Lady Wantage wurde die Sammlung geteilt. Die Londoner Sammlung in Carlton Gardens ging an den Earl of Crawford and Balcarres, während die Gemälde im Landhaus der Familie an A. Thomas Loyd vererbt wurden.

5 Im February 1927 zog Jacques Goudstikker in eine größere Galerie an der Herengracht 458. Es ist wahrscheinlich daß es das erste Gemälde war, mit welchem Goudstikker an der neuen Adresse handelte, das Etikett weist die Adresse auf. In diesem Fall kaufte Goudstikker das Gemälde wahrscheinlich direkt von dem Earl of Crawford and Balcarres, nachdem er es auf der Ausstellung in Leiden 1926 gesehen hatte.

6 Friso Lammertse, Museum Boijmans­‐van Beuningen, Rotterdam, hat eines der rückseitigen Etikette als ein altes Ausstellungsetikett des Museums identifiziert. Unklar ist, wann diese Ausstellung stattfand. Auf dem Etikett ist ein Herr *** Schuddebeurs, Amsterdam, als Besitzer des Gemäldes angegeben.

7 H.C.W. Tietje war, wie auch Wolf, ein vermögender Industrieller und Kunstliebhaber. Wolf und Tietje waren Geschäftsfreunde.

8 Am 15 September 1939 von D. Hannema auf fl. 70.000,­‐ geschätzt.

19 Ab 1937 lebte die Familie auf dem Besitz ‘Groot Haesebroek’ in Wassenaar. Daniel Wolf war zu Zeiten der deutschen Invasion in Frankreich. Er kehrte nicht in die Niederlande zurück, sondern emigrierte nach England und später nach New York, wo er 1943 verstarb. ‘Groot Haesbroek’ wurde beschlagnahmt und diente den Nazis als Residenz.

10 Ein Treppenwitz der Geschichte: auch die Nazis beschäftigten einen Alchemisten zur Goldherstellung. Heinrich Himmler ging 1937 dem Alchemisten Karl Malchus auf den Leim, der unter großer Geheimhaltung im KZ Dachau die Transmutation vollbringen sollte! Sh. Helmut Werner, Hitlers Alchemisten: die geheimen Versuche zur Goldherstellung im KZ Dachau, Königswinter 2016.

11 Sh. die ‘Recommendation regarding Wolf’, vom 9 November 2009, des Advisory Committee on the Assessment of Restitution Applications, Fall Nr. RC 1.101, und die Quittung des SNK, vom 31. März 1948.

12 ESHO bedeutet nach Brinkman Ex Hohenheim, sh. Literatur A:A:A:M: Brinkman, De alchemist in de prentkunst, Amsterdam 1982, S. 48.

13 M. Hébert, E. Pognon, Y. Bruand und Y. Sjöberg, ‘GODEFROY (FRANçOIS)’, in Inventaire du fonds français, graveurs du XVIIIe siècle, (…), tome X: Gaugain-Gravelot, Bibliothèque nationale, Paris 1968, S. 365, Nr. 2. Das britische Museum in London besitzt ebenfalls ein Exemplar des Drucks (Inv. Nr. 1861.1109.348).

14 Jan Steen: Painter and Storyteller, exhibit. catalogue, Washington National Gallery 28 april – 1 August 1996, Amsterdam Rijksmuseum 21. September 1996 – 12. Januar 1997, S. 81.

15 Richard Verstegen, Honderdt Geestige Caracteren, ofte Uitbeeldingen van Honderdt Verscheidene Personen, vierte Edition, Amsterdam 1735, S. 127.

16 Op. cit., S. 128­9.

17 Charles Sebag-Montefiore untersuchte die frühe englische Provenienz des Gemäldes.

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