Jan van Mieris

Jan van Mieris
(Leiden 1660 - 1690 Rom)

Junge Frau mit Vanitasmotiv, 1687

Öl auf Holz, 21 x 17,1 cm
Signiert und datiert mittig auf der Säulenbasis J. v Mieris/1687

Provenienz:
W. Baumgärtner, Oberer Luisenpark, Mannheim (laut Etikett auf der Rückseite).

 

 

 

 

 

 

 
 

Die blühende junge Frau auf unserem kleinen Tafelbild trägt ein luxuriöses, geschlitztes Seidenkleid nach der neuesten Mode. Ihr nachdenklicher Blick trifft sich mit jenem des Betrachters. Neben ihr auf einer Marmorplatte steht ein mit Reliefdekor verzierter Pflanztopf in monochrom glasierter Fayence. Die Tulpe in dem Topf ist verblüht, die Blütenblätter liegen auf der Marmorplatte zerstreut. Mit ihrer Rechten weist die junge Frau auf die welkenden Blätter, mit der Linken auf sich selbst und ruft dem Betrachter so seine eigene Vergänglichkeit in Erinnerung. Bei der reizenden Darstellung handelt es sich um zeittypisches Vanitasgemälde, dessen moralische Botschaft den Betrachter zu einem gottgefälligen, auf das Jenseits gerichtete Leben anleiten soll. Auch dem heutigen Betrachter erschließt sich diese Bedeutungsebene immer noch selbsterklärend.

Den zeitgenössischen Betrachter erinnerte das Gemälde zusätzlich wohl noch an eine groteske Episode 50 Jahre vor Entstehung des Gemäldes, als die Tulipomania1, eine Börsenspekulation auf Tulpenzwiebeln, sich so überhitzte, dass sie zu einer ernsten Gefahr für den Bestand der holländischen Republik wurde und viele Menschen in den Bankrott trieb.

Der internationale Erfolg von Gerrit Dou (1613-75), welcher in Leiden geboren wurde und dort arbeitete, ermutigte andere Maler sich bei ihm ausbilden zu lassen. Sein Stil fand Bewunderund und Nachahmer. Dou wird als der Begründer der Leidener Schule der Fijnschilders (Feinmaler) angesehen. Die Schule war hochgeschätz für die akkuraten, hochentwickelten Techniken und den bemerkenswerten Realismus, vor allem für die Darstellung von Stoffen. Der Auftrag von Farbe in mehreren feinen Schichten erzeugte eine emailähnliche Oberfläche. Dies war am besten auf glatten Oberflächen sichtbar, wodurch Holz- und Kupferplatten als Malgrund bevorzugt wurden. Die Technik war zeitaufwändig und teuer – was das meist verwendete kleine Format erklären könnte. Die Kabinettbilder waren in ganz Europa gefragt und bei Sammlern wie Friedrich August I. von Sachsen (1670-1733) in Dresden und Cosimo III. di Medici, Großherzog der Toskana (1642-1723), in Florenz sehr geschätzt.2 3

Jan van Mieris wurde am 17. Juni 1660 in Leiden geboren. Er war der älteste Sohn des Malers Frans van Mieris (1635-81), damals Leidens erfolgreichster Fijnschilder. Jans jüngerer Bruder, Willem van Mieris (1662-1747), war ebenfalls Maler. Beide Brüder wurden von ihrem Vater unterrichtet. Frans van Mieris, der großen Respekt für die Arbeit des Klassizisten und Historienmalers Gérard de Lairesse (1641-1711) hatte, wollte seinen Sohn zunächst bei de Lairesse in Amsterdam ausbilden lassen.4  Jan van Mieris wurde am 14. Juni 1686 als unabhängiger Maler bei der Lukasgilde in Leiden registriert. Er reiste 1688 über Deutschland nach Italien. Van Gool merkte an, dass Jan durch seinen Vater eine vielversprechende Einführung in den Hof des Großherzogs der Toskana in Florenz hatte.5 Dies wurde jedoch später wegen religiöser Differenzen zurückgenommen - wäre van Mieris in den Hofdienst aufgenommen worden, hätte der fromme Großherzog darauf bestanden, dass er zum Katholizismus übertreten müsse.6 Jan zog nach Rom, wo er am 17. März 1690 im Alter von nur neunundzwanzig Jahren starb. Innerhalb seines kleinen Oeuvres sind signierte und datierte Werke von großer Seltenheit.

 

 


1 Vgl. Anne Goldgar, Tulipmania: Money, Honor and Knowledge in the Dutch Golden Age, Chicago 2008. Bis in die 1620er Jahre stieg der Preis für Tulpen bereits dramatisch, und die Begeisterung erreichte 1637 ihren Höhepunkt. Der Legende nach war die gesamte Bevölkerung beteiligt, sogar Kinder. An einem Punkt soll ein ganzes Stadthaus gegen zehn Knollen getauscht worden sein. Der Durchschnittspreis einer einzelnen Tulpe überstieg das Jahreseinkommen eines Facharbeiters. Tulpen wurden für über 4.000 Gulden verkauft. Als die Besitzer jedoch vermehrt zu verkaufen begannen, kam es zu einem Domino-Effekt, und im Verlauf einer Woche fielen die Preise drastisch. Jüngste Forschungen von Anne Goldgar haben jedoch einen großen Teil des ‚moralisierenden Mythos’ der Tulpenmanie widerlegt und nur spärliche Beweise für die Behauptung gefunden, dass Konkurse weitverbreitet seien oder einen bedeutenden wirtschaftlichen Einfluss auf den Wohlstand und die Stabilität der niederländischen Republik hatten.

2 Peter Hecht, De Hollandse Fijnschilders van Gerard Dou tot Adriaen van der Werff, Kat. Ausst. Rijksmuseum Amsterdam, Amsterdam 1989, S. 13-19.

3 E. J. Sluijter et al., Leidse Fijnschilders: Van Gerrit Dou tot Frans van Mieris de Jonge 1630-1760, Kat. Ausst., Stedelijk Museum de Lakenhal Leiden, Waanders 1988, S. 13-55.

4 Die Meinungen, ob Jan seine Ausbildung bei Gérard de Lairesse in Amsterdam fortgesetzt hatte, sind gespalten. Jan van Gool schreibt 1751, dass Frans van Mieris das ‚unmoralische Verhalten’ von Lairesse missbilligte und sich dagegen entschieden hätte, seinen Sohn zu ihm in die Ausbildung zu geben. Jean Baptiste Descamps berichtet in der Biographie von Frans van Mieris, die im Jahr 1760 veröffentlicht wurde, dass Frans seinen Sohn aus Lairesses Werkstatt zurückgerufen hatte, weil er fürchtete, dieser würde einem schlechten Beispiel ausgesetzt sein. Siehe Peter Hecht, op. cit., S. 100.

5 Eric Jan Sluijter, ‛Een zelfportret en ‚de schilder en zijn atelier’: het aanzien van Jan van Mieris’, in Leids Kunsthistorisch Jaarboek 8, 1989, S. 287-307.

6 Jan van Gool, De nieuwe Schouburg der Nederlantsche kunstschilders en schilderessen, 2 Bde., The Hague 1750-1751, Bd. 2, S. 442.

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