Johann Theodor Goldstein -verkauft

Johann Theodor Goldstein
(Warschau 1798 - nach 1871 Dresden)

Ansicht eines gotischen Domes, 1822

Öl auf Leinwand, 83,5 x 89,5 cm
Signiert und datiert unten links J. Goldstein. / 1822.

Provenienz:
Johann Gottlob von Quandt (1787-1859), beim Künstler direkt erworben 1822;
wohl Clara Bianca von Quandt (1790-1862), Ehefrau;
Gustav von Quandt, Sohn, bis 1868;
Dresden, Auktion, 1868, Nr. 56;
Luigi Vaghi (1882-1967), Parma, Fotograf;
Erben in Argentinien, Verkauf an:
Privatsammlung, Parma.

Ausstellung:
Kunstausstellung, Dresden, Königlich Sächsischen Akademie der bildenden Künste, August 1822, Nr. 556 (Ansicht eines Gothischen Domes, inventirt und gemalt von Goldstein).

Literatur:
‚Kunstausstellung in Dresden’, in Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst, 13. Jg., 2. und 4.12.1822, Wien 1822, S. 775;
Verzeichnis von Gemälden und anderen Kunstgegenständen im Hause des J. G. v. Quandt zu Dresden, Dresden 1824, S. 29, Nr. 69 (IXtes Zimmer: Ein gotisches Gebäude, nach Schinkel, von Goldstein.);
‚Erinnerungen von einem Ausfluge nach Dresden. Des Hrn. v. Quandt Kunstsammlung (Fortsetzung)’, in Zeitung für die elegante Welt, Berlin 1825, Nr. 103, Sp. 818;
Ludwig Gruner (Hg.), Verzeichniss der von Herrn Johann Gottlob von Quandt hinterlassenen Gemälde-Sammlung alter und neuer Meister, Dresden 1868, S. V und S. 17, Nr. 56;
Ulrich Thieme, Felix Becker (Hgg.), Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Bd. 14, Leipzig 1921, S. 342;
Rudolf Bemmann, ‚Aus dem Leben Johann Gottlob von Quandts’, in Hubert Ermisch (Hg.), Neues Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde, Bd. 46, Dresden 1925, S. 24;
Hans Joachim Neidhardt, Die Malerei der Romantik in Dresden, Leipzig 1976, S. 278
Helmut Börsch-Supan, ‚Bild-Erfindungen’, in Karl Friedrich Schinkel. Lebenswerk; Bd. 20, München, Berlin 2007, S. 352;
Andreas Rüfenacht, Die Gemäldesammlung des Johann Gottlob von Quandt (1787-1859) in Dresden, Rekonstruktion und tabellarische Übersicht, 2018, S. 24, Nr. 68 (22.11.2018, http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/volltexte/2018/6042).

 

Wir danken Professor Jörg Trempler, Berlin, für den folgenden Textbeitrag.

Das Hauptmotiv des Bildes erinnert an ein Hauptwerk Karl Friedrich Schinkels Gotischer Dom am Wasser aus dem Jahr 1813, von dessen großer Strahlkraft in seiner Entstehungszeit, zahlreiche Kopien und Versionen zeugen. Die Debatte darüber, welche davon eigenhändig und welche von fremder Hand sind, hält an. Drei dieser Gemälde befanden sich nach Schinkels Tod 1841 in Berlin, von denen später eines 1931 im Glaspalast in München verbrannte. Ein zweites befindet sich heute in St. Petersburg, das dritte Gemälde verblieb am Standort Berlin und befindet sich heute in der Alten Nationalgalerie.

Schinkel gab vermutlich selbst Kopien seiner Gemälde in Auftrag, die heute nur schwer von den eigenhändigen Gemälden zu unterscheiden sind. Ein gutes Beispiel dafür ist, dass das heute in Berlin befindliche Gemälde lange Jahre als Kopie von Wilhelm Ahlborn galt, seit 2012 aber wieder als eigenhändig angesehen wird.1

Zu diesen Kopien gesellen sich typische Versionen, also Gemälde, die als freiere Kopien betrachtet werden können. Ein solches Beispiel ist in der Neuen Pinakothek in München ausgestellt und geht auf den Maler Eduard Biermann zurück. Das Münchner Gemälde ist weder signiert noch datiert und von einer solchen Qualität, dass es früher auch für ein eigenhändiges Werk von Schinkel gehalten wurde und heute aufgrund von Literaturverweisen – und nicht etwa aufgrund der fehlenden malerischen Umsetzung – als ein Werk Biermanns anzusehen ist. Es ist nicht eindeutig belegt, doch spricht einiges dafür, dass Karl Friedrich Schinkel diese zeitgenössischen Kopien gekannt und sogar befördert hat. Diese getreuen Kopien sind in der Regel wie auch sein eigenhändiges Gemälde in der Alten Nationalgalerie nicht signiert.2

Die Komposition des Gemäldes von Goldstein hebt sich deutlich von dieser Gruppe ab. Das Bild ist im Hauptmotiv zwar eindeutig durch Schinkels Gotischer Dom am Wasser inspiriert, zeigt aber auf den zweiten Blick ebenso viel Eigenständigkeit. Die Komposition ist in die Breite gezogen. Goldstein verzichtet auf die Figurengruppe im Vordergrund. Die Brücke rechts erscheint näher.

Das Gemälde vereinfacht aber nicht, denn besonders die architektonischen Teile sind von überragendem feinmalerischen Reiz. In einigen Teilen, besonders in den architektonischen Details zeigt sich Goldstein sogar noch detailverliebter als sein Vorbild. Auffällig sind zum Beispiel die Reiterstandbilder als Gebäudeschmuck. Dieses aufregende architektonische Motiv ist nicht auf dem Vorbild Gotische Stadt am Wasser zu finden, jedoch setzte es Schinkel mehrfach in anderen Werken um. Prominent in seinem Monumentalprojekt zum Dom als Denkmal der Befreiungskriege (1813/1814) oder in dem heute in der Alten Nationalgalerie in Berlin befindlichen Gemälde Mittelalterliche Stadt am Wasser (1815). In dieser Herangehensweise zeigt sich eine künstlerische und intellektuelle Auseinandersetzung Goldsteins mit seinem Vorbild Karl Friedrich Schinkel.

Als das 1822 entstandene Gemälde im selben Jahr in der Dresdener Akademieausstellung unter der Nr. 556 ausgestellt wurde, hieß es dementsprechend auch „inventirt und gemalt von Goldstein“. Der 24jährige Künstler hat also zu Beginn seiner Karriere nicht nur kopiert, sondern auch eigenständig Bildelemente erfunden. Besonders instruktiv ist das aus der heutigen Sicht, da er einige Elemente des Gemäldes übernommen hat – wie zum Beispiel den Sockel, den Baumkranz und die den Dom umgebende Stadt, die aus verschiedenen historischen Baustilen gebildet ist – andere Elemente aber variierte, um das Gemälde zu seiner eigenen Erfindung zu machen. So veränderte er, wie schon erwähnt, den Figurenschmuck der Kathedrale oder konstruierte in der Durchsicht unter der Brücke rechts eine aufwendige Rampe, die dem Bild an dieser Stelle Tiefe verleiht.

Ein anderes Feld, auf dem der junge Maler brillieren wollte, war sicher auch die komplizierte Gesamtanlage der Architektur und die malerische Umsetzung, die ihm besonders im Bereich der Türme hervorragend geglückt ist. Auch zeigt sich, dass Goldstein vermutlich das heute in der Alten Nationalgalerie befindliche Gemälde kannte, da die auf diesem Bild vorderen (westlichen?) Türme ähnlich radial von dem tiefstehenden Sonnenlicht erfasst werden. Ein Detail, das auf späteren Kopien nicht zu finden ist.

Diese Beobachtung führt zur Datierung des Gemäldes. Unter der französischen Besatzung nach 1806 wurde die Gotik stark politisiert. Die gotische Kathedrale wurde zum Sinnbild einer neuen, deutschen Kunst. Häufig wird die These vertreten, dass Karl Friedrich Schinkel und sein Umfeld nach dem Wiener Kongress von 1815 das Interesse an der Gotik als Symbol des Traums eines Deutschen Nationalstaats verloren haben. Und tatsächlich ist kein Gemälde dieser Art von Schinkels Hand nach 1815 bekannt. Doch scheint die Grundlage für das Ausbleiben dieser Art von Bildern eher in der ab 1816 einsetzenden Arbeitsbelastung Schinkels als Architekt zu liegen als in einem politischen Umdenken. Dies bestätigen auch die Datierungen der heute bekannten Kopien. Das Gemälde von Wilhelm Ahlborn ist 1824 auf der Berliner Akademie-Ausstellung unter dem Titel „Ein Deutscher Dom, Kopie nach Schinkel“ ausgestellt worden3 und die Version von Eduard Biermann datiert sehr wahrscheinlich von 1830.4 Dies bedeutet, dass das 1822 datierte Gemälde von Theodor Goldstein die erste heute bekannte Fassung nach dem Gemälde von Karl Friedrich Schinkel ist und die erhaltenen (getreueren) Kopien später angefertigt wurden.

Als Theodor Goldstein sein Gemälde nach Schinkel „erfand“ waren die heute bekannten Kopien also noch nicht gemalt. Goldstein steht hier also mit seinem Bild 1822 am Anfang einer kleinen Renaissance in der Schinkelrezeption. Der große Unterschied zu Ansichten mittelalterlicher Städte mit großen Kirchen wie zum Beispiel von Carl Georg Hasenpflug ist, dass die abgebildeten Bauten alle mittelalterlich sind. Hasenpflugs Gemälde träumen sich somit gewissermaßen in die mittelalterliche Welt zurück. Schinkels Gotischer Dom am Wasser verfolgt dagegen einen anderen Gedanken. Sein Gemälde erwächst aus einer gesamten Architekturgeschichte. Die umliegende Stadt ist gebildet aus Bauwerken der Antike, des Mittelalters und der Renaissance. Die gotische Kathedrale, die auf dem Sockel über der gemalten Architekturgeschichte thront, ist damit eine Zukunftsvision, eine – zumindest vor den Befreiungskriegen – erträumte Phantasie.

Goldsteins Gemälde nimmt hier eine Mittelstellung ein. Der Dom ist nicht mehr wie bei Schinkel umringt von der gemalten Architekturgeschichte. Der jüngere Maler verzichtet auf Gebäude auf der linken Hälfte des Gemäldes, jedoch zeigt er rechts, oberhalb der von ihm selbst erfundenen Rampe ebenfalls eine in verschiedenen Baustilen errichtete Stadt. Hierin zeigt sich einerseits die lebendige Tradition Schinkels, anderseits das eigenständige Element Goldsteins.

 

 


1 Vgl. Birgit Verwiebe, ‚Original und Kopie im Werk von Karl Friedrich Schinkel’, in Karl Friedrich Schinkel. Studienbuch, Berlin 2012, S. 131-142.

2 Für Verwirrung sorgte, dass Gustav Waagen das Gemälde als mit „Schinkel 1813“ angab. Diese Angabe wurde aber bereits durch Riehn korrigiert. Sowohl das heute in der Alten Nationalgalerie in Berlin befindliche Gemälde als auch das 1931 verbrannte waren nicht bezeichnet. Vgl. Ernst Riehn, Karl Friedrich Schinkel als Landschaftsmaler, unveröffentlichte Dissertation, 1940, S. 163-167.

3 Vgl. Helmut Börsch-Supan, ‚Bild-Erfindungen’, in Karl Friedrich Schinkel. Lebenswerk, Bd. XX, München, Berlin 2007, S. 355, Kat. Nr. 211 A.

4 Vgl. Bild-Erfindungen, op. cit., S. 356, Kat. Nr. 211 B.

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