Julius Schnorr von Carolsfeld

Julius Schnorr von Carolsfeld
(Leipzig 1794 - 1872 Dresden)

Blick über den Wallgraben von Leipzig auf die Thomasschule und die Thomaskirche, 1817

Feder über Bleistift auf Papier, 156 x 238 mm
Monogrammiert, bezeichnet und datiert unten links Leipzig 1817 M. July
Sammlerstempel Carl Heumann (Lugt 2841a)

Provenienz:1
Eduard Cichorius (1819-1907), Dresden;
Prof. Dr. Ludwig Schnorr von Carolsfeld, Berlin2 (1877-1945), Enkel des Malers;
Sammlung Carl Heumann (1886-1945), Chemnitz;
Stuttgarter Kunstkabinett, Sammlung Heumann. Kunst des 18. und 19. Jahr-hunderts. Aquarelle, Zeichnungen, Gemälde, Graphik, Auktion, 29.11.1957, Nr. 320, Tafel 18;
Erhard Göpel, München;
Barbara Göpel, München;
Privatsammlung, Deutschland.

Ausstellung:
Deutsche Landschaftskunst 1750-1850: Zeichnungen und Aquarelle aus der Sammlung Heumann, Chemnitz, Breslau, Schlesisches Museum der Bildenden Künste, 1933, Nr. 135;
Zeichenkunst der deutschen Romantik, Nassauisches Landesmuseum, Wiesbaden 1937, Nr. 282;
Julius Schnorr von Carolsfeld, 1794-1872, Museum der Bildenden Künste, Leipzig, Kunsthalle Bremen, 1994, Nr. 27, Abb. S. 97.

Literatur:
Erhard Göpel, Neue Leipziger Zeitung, 249, 6.9.1933 (mit Abb.);
Erhard Göpel, ‚Deutsche Künstler zeichnen in Leipzig’, in Leipziger Jahrbuch 14, 1939, S. 134-136;
Karl Hein Mehnert, ‚Eine wiederentdeckte Stadtansicht. Zur Ausstellung Julius Schnorr von Carolsfeld im Museum der bildenden Künste’, in Leipziger Blätter, 24, 1994, S. 74-75.

 

 

Sechs Jahre intensiver Ausbildung an der Wiener Kunstakademie lagen hinter dem 21-jährigen Julius Schnorr von Carolsfeld, als er sich am 1. Juni 1817 von Wien aufmachte, seine Familie und seine Heimatstadt Leipzig zu besuchen, bevor er im August des Jahres eine längere Reise antreten sollte, die ihn über Süddeutschland nach Rom führte.

Die zweimonatige Wiedervereinigung mit der Familie und der vertrauten Heimat vor der langen Italienreise mögen für den jungen Mann auch ein endgültiger Abschied von den vertrauten Orten der Kindheit gewesen sein. Eine gewisse Wehmut liegt auf den Werken, die während des Besuches entstehen, beispielsweise einem Portrait der Schwester Henriette Schnorr von Carolsfeld, die bald darauf stirbt (1799-1820), heute in der Albertina in Wien3, und auch auf unserem Blatt, welches zusammen mit einer Ansicht der Pleißenburg4 im Juli 1817 entsteht. Auf der Pleißenburg lebte die Familie und hier befand sich auch das Atelier des Vaters, Veit Hanns Schnorr von Carolsfeld, der ebenfalls Maler war.

Unser Blatt zeigt zwei Knaben im Gras liegend, die über den Leipziger Wallgraben auf die berühmte Thomasschule blicken, mit ihrer Gründung 1212 eine der ältesten Schulen des deutschen Sprachraumes. Hier war Julius zur Schule gegangen. Daneben die Thomaskirche mit dem berühmten ebenfalls 1212 gegründeten Thomanerchor, an der Johann Sebastian Bach Kantor gewesen war und dessen Mitglieder zusammen mit Julius die Thomasschule besuchten. Der Kunsthistoriker Erhard Göpel, in dessen Sammlung sich das Blatt viele Jahre befand, beschreibt die Darstellung wie folgt: Die Zeichnung zeigt den Blick jenseits des Stadtgrabens entlang der Mauer auf die Thomaskirche hin. Der hohe Hausgiebel vor dem westlichen Abschluss des Thomaskirchendaches ist der Giebel der alten Thomasschule, die niedrige Häuserzeile über der Stadtmauer hieß damals Schulgasse, nach der ‚Neuen Freyschule’, deren Gebäude ganz rechts n die Zeichnung hineinsieht. Der Platz des Zeichners ist in der Nähe der Einmündung der jetzigen Otto-Schill-Straße in den Dittrichring zu suchen, gar nicht weit von der Pleißenburg, wo die Familie des jungen Künstlers damals wohnte ...5

Für Julius ist seine Zeichnung also ein Blick auf die Stätten seiner Jugend und es wäre dementsprechend nur folgerichtig, in einem der beiden im Gras lagernden Knaben den Künstler selbst zu sehen (Abb. 1 und 2).

 

Abb. 1 Detail

Abb. 2 Julius Schnorr von Carolsfeld, Selbstbildnis, 1818/19, Bleistift auf Papier, Dresden, Sächsische Landesbibliothek

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bereits im August 1817 reiste Schnorr dann nach Süden. In Salzburg traf er die aus Wien bekannten Brüder Olivier, mit denen er durch das Salzkammergut und Berchtesgadener Land wanderte. Am 6. November schließlich erfolgte der Aufbruch nach Italien; Anfang 1818 traf er schließlich in Rom ein, wo er sich bald darauf der Lukasbrüderschaft anschließen sollte.6

Unser Blatt hat seit seiner Entstehung verschiedene wichtige Sammlungen geziert. Der erste namhafte Besitzer, Eduard Cichorius (1819-1907), entstammte einer wohlhabenden Leipziger Kaufmannsfamilie. Ob das Blatt direkt von Julius auf ihn kam, ist nicht nachweisbar. Gegen Mitte der 1850er Jahre begann er mit dem Aufbau einer Kunstsammlung, die sich rasch auf die Zeichen­kunst der deutschen Romantik konzentrierte. Cichorius war nicht nur ein leidenschaftlicher Kunstsammler, er freundete sich auch mit zahlreichen Künstlern an. Unter jenen Künstlerfreunden, denen er sich besonders verbunden wusste, sind Ludwig Richter und Julius Schnorr von Carolsfeld zu nennen, von welchem er nachweislich auch frühe Werke kaufte. Auch war er bekannt mit dem Enkel Schnorrs, Prof. Dr. Ludwig Schnorr von Carolsfeld, Kustos der staatlichen Museen in Berlin, dem nächsten Besitzer des Blattes.7 Ein weiterer Besitzer ist sodann Carl Heumann (1886-1945), dessen Sammlung deutscher und österreichischer Zeichnungen von 1750 bis 1850 berühmt war. Er starb während eines Bombenangriffes 1945 in Chemnitz, seine Sammlung überlebte und wurde von seiner Familie in den 50er Jahren nach Westdeutschland gebracht. Dort wurde ein großer Teil, so auch unser Blatt, 1957 im Stuttgarter Kunstkabinett versteigert.8 Erhard Göpel war der Erwerb dieses Blattes sicher ein besonderes Anliegen, hatte er es doch bereits 1933 und 1939 publiziert.

Das Frühwerk von Julius Schnorr von Carolsfeld ist für die Entwicklung der deutschen Romantik sehr wichtig. Die Zeichnungen sind selten und begehrenswert.9

 

 


1 Vgl. Julius Schnorr von Carolsfeld, 1794-1872, Kat. Ausst. Museum der Bildenden Künste, Leipzig, Kunsthalle Bremen, 1994, Nr. 27.

2 Vgl. Deutsche Landschaftskunst 1750-1850: Zeichnungen und Aquarelle aus der Sammlung Heumann, Chemnitz, Kat. Ausst. Breslau, Schlesische Museum der Bildenden Künste, 1933, Nr. 135, dort ausgewiesen als aus dem Besitz von Prof. Dr. L. Schnorr v. Carolsfeld, Berlin.

3 Julius Schnorr von Carolsfeld, Bildnis Henriette Schnorr von Carolsfeld, 1817, Bleistift, Feder in Braun, braun und grau laviert auf Papier, 20,8 x 16,9 cm, Wien, Albertina, Inv. Nr. 24288.

4 Julius Schnorr von Carolsfeld, Die Pleißenburg in Leipzig, 1817, Feder auf Papier, 23,7 x 15,8 cm, ehemals Sammlung Geißberg, Berlin.

5 Erhard Göpel, Neue Leipziger Zeitung, 249, 6.9.1933.

6 Zur Biographie siehe Julius Schnorr von Carolsfeld, Zeichnungen, Kat. Ausst. Landesmuseum Mainz und München, Bayerische Vereinsbank, Palais Preysing, München, New York 1994, S. 29 und 35.

7 Vgl. Göpel 1933.

8 Zu Cichorius und Heumann vgl. Peter Prange, Andrew Robison, Hinrich Sieveking (Hgg.), German Master Drawings from the Wolfgang Ratjen Collection, 1580-1900, Kat. Ausst. Washington, National Gallery of Art, London 2010, S. 26 und 29.

9 Zwei Arbeiten von Carolsfeld aus den Jahren 1817 und 1816 wurden 2016 bzw. 2014 bei der Galerie Bassenge in Berlin versteigert: Ein Zweig mit welken Blättern, 1817, wurde für ca. 2.000.000 € verkauft, und das Bildnis des Friedrich Olivier für c. 780.000 €.

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