Lancelot-Théodore Turpin de Crissé

Lancelot-Théodore Turpin de Crissé (1782 - Paris - 1859)

Der Tempel von Antoninus und Faustina - San Lorenzo in Miranda, Rom 1807-1808

Öl auf Papier auf Leinwand, 18,9 x 25 cm
Monogrammiert unten links TT

Provenienz:
Privatsammlung, Frankreich

 

Turpin_groß 2

Abb. 1 Lancelot-Théodore Turpin de Crissé, Tempel von Antoninus und Faustina, 1808, Öl auf Leinwand, 114,6 x 163,2 cm, Museum of Fine Arts, Boston, Inv. Nr. 20.852

Den ersten Romaufenthalt Lancelot-Théodore Turpin de Crissés[1] von 1807 bis 1808 finanzierte der französische Diplomat Comte de Choiseul-Gouffier (1752-1817), Privatgelehrter und profunder Kenner der Antike. Bereits ab 1802 arbeitete Turpin an den Illustrationen dem von Choiseul-Gouffier edierten zweiten Band von Voyage pittoresque de la Grèce, der 1809 erschien. Für Choiseul-Gouffier malte de Crissé 1808 in Rom die berühmte großformatige Ansicht des Tempels von Antoninus und Faustina, die er 1808 auf dem Pariser Salon ausgestellte. Heute befindet sich dieses wichtige Frühwerk Turpin de Crissés im Museum of Fine Arts, Boston. (Abb. 1)[2]

Das hier vorgestellte, neu aufgefundene, kleinformatige Gemälde ist die bisher unbekannte erste Version für das Bostoner Gemälde und damit eine wichtige Erweiterung von Turpin de Crissés Frühwerk. Dafür spricht nicht nur das minutiöse Studium der Architektur und der Lichtverhältnisse, sondern auch die für Studien typische Verwendung von Papier als Malgrund, anstelle von Leinwand. Papier ermöglicht erste Arbeitsschritte en plein-air, die Handhabung ist weniger kompliziert, die Trockenzeiten kürzer.

Der Tempel des Antoninus und der Faustina an der Via Sacra am nördlichen Rand des Forum Romanum wurde im Frühmittelalter in eine Kirche, San Lorenzo in Miranda, umgewandelt.

Ganz Kind seiner Zeit, interessierte sich Turpin aber nicht für die barocke Fassade des Kirchenbaues sondern für den antiken Tempel mit seinen eindrucksvollen, wundervoll gemaserten Marmorsäulen und dem Gebälk mit einem Fries heraldisch angeordneter Greifen, von dem der Louvre eine vorbereitende Detailskizze in Bleistift bewahrt. Die barocke Fassade der Kirche zeigt sich aus dem von Turpin gewählten Blickpunkt nicht. Zwischen den Säulen sieht man den Turm des Senatorenpalastes, auf der linken Seite die drei Säulen des Dioskurentempels und wohl die Basilica Julia. Während in dem großformatigen Bostoner Gemälde der campo vaccino von zahlreichen Figuren und einem Ochsengespann bevölkert ist, konzentriert der Künstler sich in dem vorbereitenden kleinformatigen Gemälde vor allem auf die Architektur, die er mit größter Meisterschaft und Liebe zum Detail wiedergibt.

Während seines ersten Romaufenthalt wohnte und arbeitete Turpin im Konvent von Trinità dei Monti. Sein dortiges Atelier hielt er in einer Zeichnung fest. Rechts gegen die Wand lehnt die großformatige Fassung des Tempels von Antoninus und Faustina. Unser kleines Gemälde meint man in einer jener kleinformatigen Arbeiten zu erkennen, die oberhalb an der Wand fixiert sind (Abb. 2).

Turpin_Unterkunft

Abb. 2 Lancelot-Théodore Turpin de Crissé, Unterkunft des Malers in Rom (Detail), 1807-1808, Bleistift auf Papier, 20 x 27 cm, Paris, musée du Louvre, Inv. Nr. MI 731

Zurück in Frankreich wurde Turpin 1810 Kämmerer von Joséphine de Beauharnais und behielt diese Stelle bis zu ihrem Tod 1814. 1811 verlieh ihm Napoleon den Titel Baron d’Empire. Weitere Ehrungen folgten: 1816 Mitglied der Akademie, 1824 Mitglied des Ehrenbeirates der königlichen Museen, 1825 Generalinspekteur der königlichen Bauten und Ritter der Ehrenlegion. Die öffentliche Anerkennung ermöglichte ihm ein freies und unabhängiges Leben. Sein reiches Schaffen, neben den Gemälden entsteht auch Graphik und Literatur, inspirierte sich vor allem an zahlreiche Reisen, viele nach Italien. Turpin baute sich eine beachtliche Kunstsammlung auf, die sein kulturelles Interesse über alle Epochen dokumentiert und seit 1850 im Musée des beaux-arts d'Angers ausgestellt ist.

 

 


[1] Zu Turpin de Crissé siehe:

Patrick Le Nouëne, Caroline Chaine, Lancelot-Théodore Turpin de Crissé peintre et collectionneur: Paris, 1782-1859, Kat. Ausst. Angers, Musée des Beaux-Arts, Paris 2006.

Patrizia Rosazza-Ferraris (Hg.), Disegni romani di Lancelot-Théodore Turpin de Crissé (1782-1859) dalle collezioni del Louvre, Kat. Ausst. Rom, Museo Mario Praz, Rom 2009.

[2] Vgl. Eric M. Zafran, French Paintings in the Museum of Fine Arts, Boston, Bd. 1, Boston 1998, S. 197-198.

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