Lesser Ury

Lesser Ury (Birnbaum 1861 - 1931 Berlin)

Blick auf den Schlachtensee bei Berlin, 1913

Öl auf Leinwand, 70,9 x 100,4 cm
Signiert und datiert unten links L. Ury / 1913

Provenienz:
Carl Nicolai, Berlin (Markierung auf dem Keilrahmen)
Privatsammlung Georg Schäfer, Schweinfurt
Privatsammlung, Deutschland

Ausstellungen:
Berlin grüßt München. Die beiden Städte an der Isar und an der Spree in Gemälden, Handzeichnungen und Druckgraphik aus drei Jahrhunderten, Berlin Museum, August-Oktober 1972, Nr. 125

„Die Landschaften Ury’s sind so außerinhaltlich, so visionär, dass sie sich nur sehen und fühlen, kaum besprechen lassen“, schrieb der Philosoph Martin Buber 1903.[1]

Blickfang und zugleich atmosphärisches Zentrum Lesser Urys Schlachtensee[2] ist ein großer, die ganze Bildhöhe einnehmender Baum, mittig im Vordergrund stehend, zum Seeufer geneigt. Der verschwimmende Umriss der Baumkrone mit dem in weißen und leuchtend gelben Tönen getupftem Blattbesatz steht in reizvollem Gegensatz zu dem kontrastierenden Baumstamm der eine harte Zäsur im Bildraum setzt. Im Schutz des Baumes ein einsamer Kahn. Gegenüberliegend im Schatten spiegelt sich das Seeufer in dunklen Grün- und Brauntönen auf der Wasseroberfläche. Darüber scharf abgegrenzt der helle graublaue Himmel, den der See im Vordergrund als lichterfüllten Streifen reflektiert.

In Berlin war Lesser Ury zusammen mit Max Liebermann und Lovis Corinth der bedeutendste Protagonist des Impressionismus.[3] Heute denkt man besonders an die im Atelier am Nollendorfplatz entstandenen Nachtbilder der Großstadt. Das bewegte nächtliche Strassenleben Berlins verzaubert durch das Spiel der Lichter auf regennasser Strasse, sowie Darstellungen urbanen Lebens. Und doch ist das Repertoire des Malers weitaus vielschichtiger. Einen besonderen Raum nimmt dabei die Landschaft ein, in der sich der Künstler auch den symbolistischen Tendenzen seiner Zeit öffnet.

Um das Entstehungsjahr unserer Landschaft, 1913, begann für Ury nach Jahrzehnten der Kritik und Zurückweisung die Zeit des Erfolges. Dazu trug nicht nur die Ausstellungstätigkeit vergangener Jahre bei, sondern vor allem die neu eröffnete Möglichkeit an den Ausstellungen der Berliner Secession teilzunehmen, die seinen Ruhm in den folgenden Jahren weiter mehren sollte. Anlaß war die Ablösung seines Feindes Max Liebermann als Präsident der Secession durch Lovis Corinth.

Die Landschaftsmalerei hat Ury ein Leben lang beschäftigt. Bereits mit Beginn seiner künstlerischen Laufbahn 1882 an der Académie Royale des Beaux-Arts in Brüssel unter Jean-Francois Portaels, danach in Paris unter Jules Joseph Lefèbvre. Anläßlich wiederholter Aufenthalte in Italien entstehen leuchtende Landschaften, deren kräftige Farben die Wärme südlichen Lichts spürbar machen. 1912/13 unternahm er Reisen nach Holland – von den neu gewonnenen Natureindrücken zeugen Pastelle und Gemälde mit weiten Ausblicken und den charakteristischen Windmühlen.[4]

Die emotionale Qualität der Landschaften Urys, ihre melancholische Innenschau, wurde schon zu seinen Lebzeiten mit dem Begriff der Seelenlandschaft charakterisiert. Er läßt sich auch für unseren Schlachtensee anwenden, die sich sicherlich von einem der zahlreichen Berlin umgebenden Seen inspiriert ist. Immer wieder suchte der Maler die Nähe der Natur, nach ruhigen, entlegenen fast unscheinbaren Motiven, die er in stimmungsvollem Kolorit festhielt. Atmosphärische Phänomene beschäftigen den Meister ebenso wie mit den Tageszeiten wechselnde Stimmungen – eine interessante Parallele zu den auf den ersten Blick so gegensätzlich erscheinenden Großstadtbildern. Urys Vorliebe gilt zumeist den Zeiten des Übergangs, dem Sonnenaufgang und der Dämmerung. Die Stärke seiner Bilder liegt in der Auflösung des gegenständlichen Bildmotivs zugunsten des Atmosphärischen[5], ein wenig an die späten Landschaften Corots erinnernd. Einem Schleier gleich überziehen die Lichter der Blätter die Baumkrone, sacht im Winde bewegt. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Grün- und Blautönen sind traumgleich fließend und weich. Adolf Donath formulierte dies 1921 wie folgt: Das ist das magische an Urys Landschaft, dass wir in ihr die Seele der Landschaft wiederfinden.[6]


[1] Martin Buber, Lesser Ury, in ders. (Hg.), Jüdische Künstler, Berlin 1903, S. 37-68, hier S. 50.

[2] Die Ury Experten Sibylle Groß, Hermann A. Schlögel, Regine Buxtorf und Konrad Kaiser identifizierten das Motiv als den Schlachtensee bei Berlin. Zuvor hielten Experten das Gemälde für einen Blick auf den Grunewaldsee.

[3] Lesser Ury, am 7. November 1861 in Birnbaum bei Posen geboren, stammt aus einer einfachen jüdischen Familie. Eine kaufmännische Lehre bricht er ab und beginnt in Brüssel, später Paris, die Ausbildung zum Maler. Nach Reisen und Aufenthalten in Belgien, Frankreich, Italien und der Schweiz eröffnet Ury 1901 seine Galerie am Nollendorfplatz in Berlin, die er bis zum Ende seines Lebens führen wird. Erst hier erhält der lange Zeit von negativen Kritiken verfolgte Künstler Anerkennung für seine Werke, Bekanntschaften u. a. mit dem Kunstschriftsteller Adolph Donath und später Carl Schapira, seinem bedeutendsten Sammler, fördern seine Karriere. Zahlreiche Ausstellungen folgen, 1915 erstmals in der Berliner Sezession, die ihn 1921, anlässlich seines 60. Geburtstags zum Ehrenmitglied ernennt. Er sei „immer seinen eigenen Weg gegangen, unberührt und unbeirrt von Tagesströmungen, ein Vorbild für die Künstlerschaft.“ Am 18. Oktober 1931 stirbt Ury Lesser in Berlin und wird auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt, seinen Nachlass versteigert das Auktionshaus Paul Cassierer. (Vgl. die Zeittafel bei Hermann A. Schlögl u. Karl Schwarz, Lesser Ury. Zauber des Lichts, Berlin 1995, S. 108 - 109; ebenso: Hermann A. Schlögel, Der lange Weg zur künstlerischen Anerkennung, in Hermann A. Schlögl u. Matthias Winzen, Lesser Ury und das Licht, Ausst. Kat. Baden-Baden, Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, 5. April - 31. August 2014, S. 33-52).

[4] Hermann A. Schlögl u. Karl Schwarz, Lesser Ury. Zauber des Lichts, Berlin 1995, S. 80-81.

[5] Ralf Melcher, Lesser Ury. Die Leichtigkeit der Atmosphäre, in Hermann A. Schlögl u. Matthias Winzen, Lesser Ury und das Licht, Ausst. Kat. Baden-Baden, Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, 5. April - 31. August 2014, S. 181-188.
Vgl. auch Hermann A. Schlögl u. Karl Schwarz, Lesser Ury. Zauber des Lichts, Berlin 1995, S. 35.

[6] Adolph Donath, Lesser Ury, Berlin 1921, S. 31.

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