Lesser Ury

Lesser Ury (Birnbaum 1861 - 1931 Berlin)

Selbstportrait – Ich selbst, als ich krank war

Öl auf Holz, 41 x 31 cm
Signiert, datiert und bezeichnet Ich selbst / als ich krank war / L Ury / 1915.
Rückseitiger Nachlassstempel

Provenienz:
Nachlassauktion Lesser Ury, Paul Cassirer, Berlin, 21. Oktober 1932, Nr. 65, mit Abb.
Dr. Carl Schapira (Carlos Soria), New York
Jewish Museum, New York (Inv. Nr. 21-54)
Galerie Bühler, Stuttgart (Verkauf 1972)
Privatsammlung, Baden-Württemberg

Ausstellung:
Lesser Ury 1861-1931: Exhibition of Paintings and Drawings, New York, Jewish Museum, Herbst 1951, Nr. 22 (Abbildung auf dem Umschlag)

Literatur:
Adolph Donath, Lesser Ury: seine Stellung in der modernen deutschen Malerei, Berlin 1921, S. 133, Abb. 65
Hermann Schlögl und Karl Schwarz, Lesser Ury - Zauber des Lichts. Ein Lebensbericht nach Dokumenten und Briefen, Kat. Ausst., Berlin, Käthe-Kollwitz-Museum, 1995, S. 96-7, Nr. 35 (mit Abb.)

 

 

Die Werke Lesser Urys beschwören den Glanz Berliner Großstadtlebens in der Belle Époque. Schillernde Bilder des nächtlichen Berlins, der regennassen Straßen meisterhaft wiedergegeben in Öl und Pastell.

Ich selbst, als ich krank war zeigt den Maler von einer anderen, privaten Seite an einem Wendepunkt seines Lebens. Er litt ab 1915 zunehmend unter Depressionen. Das bezeugen seine späten Portraits. Während er sich davor gerne als erfolgreicher, stolzer Gesellschaftsmaler porträtierte, zeigt unser Bildnis einen in den Grundfesten erschütterten Menschen. Die Bezeichnung des Portraits, prominent auf der Vorderseite, ich selbst, als ich krank war, ist Erinnerung und Botschaft zugleich. Sie offenbart, zu welchem Grade die melancholische Selbstbeschau von ihm Besitz ergriffen hatte. Er litt unter schlechter körperlicher und seelischer Verfassung, der Blick leer, die Wangen hohl, die Züge spitz. Seine Selbstzweifel sollten ihn bis zum Tode nicht mehr verlassen und haben auch seine Kunst geprägt. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass eben dieses Spätwerk heute besonders geschätzt wird.[1]

Obwohl Ury aus einer mittellosen jüdischen Familie in Posen stammte, schaffte er die Aufnahme an die Düsseldorfer Kunstakademie (1879/80). Um sein Talent zu formen reiste er nach Brüssel, Paris, Antwerpen und München, bevor er sich ab 1887 in Berlin niederließ. 1890 stellte er erstmals öffentlich zusammen mit Hans Thoma und Max Liebermann in der Galerie Fritz Gurlitt aus. Adolph von Menzels positives Resümee der ausgestellten Werke brachte ihm den Michael-Beer-Preis ein. Der Preis beinhaltete ein einjähriges Stipendium in Italien. Ury nutzte die Gelegenheit zu einem Aufenthalt in Rom und Capri.

Das Leben war nicht angenehm für mich, die Kunst auch nicht und die Kritik erst recht nicht […] – so resümierte der Einzelgänger 1921. Leben und Karriere waren nicht immer nach Wunsch verlaufen. Seine Kollegen Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt hatten, wie er fand, ungerechtfertigt die besseren Kritiken. Er kritisierte öffentlich, dass Liebermann sich seiner Technik der Wiedergabe von Lichteffekten bediente. Liebermann hatte die Presse allerdings auf seiner Seite und entschied so den Konflikt für sich.[2] Ury litt unter den negative Schlagzeilen. Trotz der Rückschläge am Anfang seiner Karriere, war er in den 1910er Jahren zu einem durchaus erfolgreichen Maler avanciert. Die Pressestimmen waren milde geworden, und private Sammler hatten Ury für sich entdeckt. Seit Liebermann 1915 den Vorstand der Berliner Secession an Korinth abgegeben hatte, konnte er auch Urys Teilnahme an den populären Secessionsausstellungen nicht mehr verhindern, was den Künstler abermals voran brachte. Ab 1921 war er Ehrenmitglied der Berliner Secession, die ihm ein Jahr später zu seinem 60. Geburtstag eine Ausstellung ausrichtete.

Der größte Teil seines Œuvres beschäftigt sich mit dem Straßenleben Berlins; berühmt waren die Lichteffekte seiner Nachtbilder. Die Einsamkeit und Selbstentfremdung des Lebens in der modernen Großstadt prägte ihn und spricht zuweilen auch aus seinen Bildern. Er starb 1931 nur wenige Wochen vor der großen Ausstellung in der National Galerie anlässlich seines 70. Geburtstages. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee.[3]

Ury hat eine Lithographie[4] dieses Selbstportraits in Umlauf gebracht, sich von dem Original aber nie getrennt. Es blieb in seinem privaten Besitz bis er starb. Anschließend wechselte das Selbstportrait zu Urys wichtigsten Freund und Sammler Dr. Carl Schapira (1879-1957) der 1933 vor den Nationalsozialisten nach New York, flüchtete, wo er unter dem Namen Dr. Carlos Soria lebte. [5] Seine berühmte Ury Sammlung wurde 1951 im Jewish Museum, New York, gezeigt. Den Katalogumschlag zierte Ich selbst, als ich krank war.

Dr. Sibylle Gros, die Autorin von Urys Werksverzeichnis, hat die Authentizität des Gemäldes bestätigt.


[1] Hermann Schlögl und Karl Schwarz, Lesser Ury - Zauber des Lichts Ein Lebensbericht nach Dokumenten und Briefen, Kat. Ausst., Berlin, Käthe-Kollwitz-Museum, 1995, S. 84-86.

[2] Herman Schlögl und Matthias Winzen, Lesser Ury und das Licht, Kat. Ausst., Baden-Baden, Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, 5. April - 31. August 2014, S. 101-37.

[3] Adolph Donath, Lesser Ury: Seine Stellung in der modernen deutschen Malerei, Berlin 1921.

[4] Detlev Rosenbach, Lesser Ury: das druckgraphische Werk, Berlin 2002, S. 132, no. 93 (mit Abb.).

[5] Herman und Winzen, op. cit., S. 113.

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