Lotte Laserstein

Lotte Laserstein (Preußisch Holland 1898 - 1993 Kalmar, Schweden)

Selbstportrait vor rotem Vorhang, 1924-25

Öl auf Pappe, 31,5 x 24,4 cm
Signiert unten links Lotte Laserstein.

Provenienz:
Privatbesitz der Künstlerin
Privatsammlung, Schweden
Privatsammlung, Berlin

Ausstellungen:
Lotte Laserstein, paintings from Germany and Sweden, 1920-1970, Thos. Agnew&Sons Ltd. and the Belgrave Gallery, London, 1987
Mina minnen och jag [‚Meine Erinnerungen und ich’], Kalmar, Skälby gård, 1986
Lotte Laserstein 1898-1993. My only reality. Meine einzige Wirklichkeit, Kat. Ausst. Berlin, Das verborgene Museum e.V. und Stiftung Stadtmuseum, im Museum Ephraim-Palais, und Kalmar, Konstmuseum, 2003/04, S. 357, Kat. Nr. 48, Farbabbildung S. 73

Literatur:
Anna-Carola Krausse, Lotte Laserstein (1898-1993); Leben und Werk, Berlin 2006, Nr. M 1924/8

 

 

 

Das Selbstportrait nimmt im Werk von Lotte Laserstein eine zentrale Rolle ein. Die Malerin widmete sich dem Genre so eindringlich wie zu jener Zeit nur noch Max Beckmann. Lasersteins Fixierung auf die Darstellung von Menschen[1] hatte sich bereits in ihren Anfängen als Malerin angedeutet und wurde an der Akademie durch den Unterricht bei Professor Erich Wolfsfeld (1885-1956) verstärkt. Er war ein souveräner Zeichner und hatte ebenfalls eine Vorliebe für die Menschendarstellung. Außerdem charakterisierte ihn eine gewisse Distanz gegenüber der Avantgarde, die auch für Laserstein galt. Seit der Zulassung zur Akademie 1921/22 und während ihres gesamten Studiums blieb Laserstein seine Schülerin und blieb ihm auch in ihren letzten beiden Studienjahren während der Meisterklasse treu.[2] Sie hatte nun ein eigenes Atelier, Malmaterial und Modelle zur Verfügung, ihre finanzielle Situation blieb aber angespannt. Zu dieser Zeit lernte Sie auch Traute Rose kennen, die ihr Freundin und Lieblingsmodell wurde.

1925 gewann Laserstein die Goldmedaille der Akademie. Um diese Zeit entstand auch das vorgestellte Selbstporträt. Im Duktus steht es etwas späteren Arbeiten nahe, beispielsweise der Alten Frau in Schwarz (M 1926/4), oder dem Kopf eines jungen Mannes (M 1926/2), ebenfalls um 1926. Es liegt stilistisch aber noch vor dem Wechsel zu einem weicheren Strich und einer feinmalerischen Manier der während der Meisterschülerzeit einsetzt.

Unser Selbstporträt hat Vorgänger; etwa das unvollendet gebliebene Selbstportrait mit Kopftuch (M 1923/1), das motivisch an Leibls Mädchen mit weißem Kopftuch erinnert und ihr Selbstportrait mit weißem Kragen (M 1923/2), das als frühestes vollendetes Selbstbildnis Lasersteins anzusehen ist[3]. Unser Werk ist jedoch deutlich expressiver[4] und hat eine kräftigere Farbgebung die den Ausdruck intensiviert. Einer physiognomischen Besonderheit schenkt die Künstlerin Aufmerksamkeit - die aufgestülpte Oberlippe[5], im selben Rot wie der Vorhang gehalten, gibt der jungen Künstlerin einen entschlossenen, fast trotzigen Zug. Der Blick ist nachdenklich und intensiv zugleich.

Lotte Laserstein war eine in Berlin lebende deutsche Künstlerin der Neuen Sachlichkeit. Als Frau in einer damals männlich geprägten Kunstwelt, durch ihren jüdischen Hintergrund und ihre Homosexualität, bewegte sie sich in mehrfacher Hinsicht außerhalb der herrschenden Konvention. So ist es umso bemerkenswerter, dass es ihr als eine der ersten Frauen gelang, an die Berliner Kunstakademie aufgenommen zu werden, wo sie bei Professor Wolfsfeld studierte und 1925 die Goldmedaille der Akademie errang. Nach dem Studium richtete sie in Berlin ihr eigenes Atelier ein und unterrichtete dort auch. Sie war auf Ausstellungen in ganz Deutschland vertreten und stellte 1937 auf der Pariser Weltausstellung drei Gemälde aus. Noch im selben Jahr war die jüdische Künstlerin gezwungen nach Schweden zu emigrieren, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Sie versuchte ihr Überleben mit Portraitaufträgen zu sichern. Wie viele Künstler ihrer Generation konnte sie im Exil nicht mehr jene Bedeutung erreichen, die sie davor genossen hatte.

Lange Zeit waren ihre Werke fast vergessen. Eine Ausstellung in der Londoner Kunsthandlung Agnews eröffnete 1987 den Weg zu einer Wiederentdeckung. Ausstellungen in öffentlichen Sammlungen folgten. Heute ist die Künstlerin auch in deutschen Museen vertreten - die Berliner Nationalgalerie erwarb Lasersteins Abend über Potsdam und das Städel in Frankfurt erst kürzlich Mädchen mit Puderdose.


[1] Krausse, op. cit., S. 54.

[2] Auch nach Lasersteins Zeit an der Akademie blieben beide freundschaftlich verbunden. Auch Unterstützte sie Wolfsfeld zeitweise, insbesondere während der NS-Zeit, mit Malmaterial. Vgl. Krausse, op. cit., S. 53, v.a. Fußnote 170.

[3] Ihr kleines Selbstportrait, basierend auf Selbstportrait mit weißem Kragen, hatte Laserstein in die obere rechte Ecke des Gemäldes Großmutter eingefügt. Es zeigt sie als Malerin mit erhobenem Pinsel vor einer Leinwand und dem vor ihr sitzenden Modell stehend und schildert somit den Entstehungsprozess des Gemäldes. Vgl. Krausse, op, cit., S. 59-60.

[4] Berührungspunkte zum Expressionismus bezog Laserstein vermutlich durch ihre Beziehung mit dem ungarischstämmigen Maler Palo Vido zu Beginn der Zwanziger Jahre. Unser Selbstportrait steht dem Portrait des russischen Untermieters Bobby (M 1924/9) in dieser expressiven Hinsicht nahe.

[5] Siehe Brief Lasersteins an Traute Rose 1973 über den Fund ihres Bildes Selbstportrait mit weißem Kragen, zitiert in Krausse, op. cit., S. 60, Fußnote 189: [Habe] ein uraltes Selbstportrait einrahmen lassen, c. 50 Jahre alt. Mund mit aufgestülpter Oberlippe.

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