Louis Tuaillon

Louis Tuaillon (1862 - Berlin - 1919)

Amazone zu Pferde, c.1903

Patinierte Bronze, Höhe 84,5 cm
Signiert am Sockel vor dem linken Hinterhuf des Pferdes L. TUAILLON

Provenienz:
Privatsammlung, Schweiz.

 

 

 

 

Die Beliebtheit der Amazone zu Pferde ist ein Zeugnis der Antikenbegeisterung des 19. Jahrhunderts, besonders in Deutschland. Beispielhaft erwähnt seien hier die Amazone von August Kiß (1802-1865) vor dem Alten Museum Berlin und jene von Franz von Stuck (1863-1928) vor der Villa Stuck München. Erst durch seine Amazone wurde der 33jährige Louis Tuaillon einem weiten Publikum bekannt. Den Entwurf für die lebensgroße Skulptur fertigte er 1895 in Rom, der Guss in Bronze entstand im selben Jahr in Berlin. Anschließend wurde die Bronze auf der Großen Berliner Kunstausstellung gezeigt. 1897 kaufte die Berliner Nationalgalerie das Werk an und stellte es im Säulenhof vor der Westseite des Gebäudes auf. 1904-05 wurde auf Veranlassung Kaiser Wilhelms II. ein überlebensgroßer Abguss gefertigt und im Großen Tiergarten aufgestellt.

Unsere Statue der Amazone entstand als verkleinerte Wiederholung der Version für die Nationalgalerie. Die Amazone ist das Hauptwerk Tuaillons und eines der wichtigen Werke deutscher Bildhauerkunst um 1900.

Abb. 1 Hans von Marées, Amazonenschlacht, 1887, Rötel auf Papier, 45 x 40 cm

Abb. 1 Hans von Marées, Amazonenschlacht, 1887, Rötel auf Papier, 45 x 40 cm (Meier-Graefe Nr.1000)

Die Beschäftigung mit der Thematik rührte aus Tuaillons Zusammentreffen mit dem Maler Hans von Marées in Rom, in dessen von der Antike inspirierten Oeuvre das Pferd einen wichtigen Platz einnimmt. Bekannt miteinander wurden die beiden durch den gemeinsamen Künstlerfreund und Pferdeliebhaber Artur Volkmann (siehe Katalog S. xx). Tuaillons Amazone geht wohl unmittelbar auf eine Pferdestudie Marées zurück (Abb. 1), die sich in seinem Besitz befand.1 Auf der Ausstellung 1919 anlässlich seines Todes waren vier Studien des Künstlers zu seiner Amazone ausgestellt, von denen eine in Abbildung überliefert ist (Abb. 2).2

Bereits 1899 nahm Tuaillon Kontakt zu Hugo von Tschudi, dem Direktor der Nationalgalerie, auf, mit der Bitte, ihm die Erlaubnis zur Herstellung von Abformungen der Amazone zu gewähren. Jedoch erst 1903 entstand ein geringfügig verändertes Modell im Statuettenformat, das in fünf oder sechs Exemplaren von H. Noack, Berlin, gegossen wurden.3 Die Serie gelangte in den Besitz des Berliner Sammlers und Mäzens Eduard Arnhold4, der eine Amazone 1904 der Kunsthalle Bremen und wohl eine weitere 1910 dem Metropolitan Museum in New York schenkte.5 Weitere Exemplare in derselben Größe von 84,5 cm befinden sich in der Neuen Pinakothek in München, in Schloss Cecilienhof in Potsdam und im Garten des Hauses Doorn in den Niederlanden.6

Abb. 2 Louis Tuaillon, Studie zur Amazone, Bleistift auf Papier

Abb. 2 Louis Tuaillon, Studie zur Amazone, Bleistift auf Papier

Unsere Amazone, leicht nach links gedreht und in die Ferne blickend, stützt sich mit der linken Hand auf den Rücken ihres Pferdes. In der rechten Hand hält sie eine Streitaxt. Die sattellos reitende jugendliche Kriegerin ist mit einem dünnen Chiton bekleidet, das Gesäß, die Schenkel und rechte Brust enthüllt. In ihrer antikischen Klarheit und Strenge wurde die Tuaillons Amazone von Anbeginn als ein Antipode zu den opulenten Werken des Neobarock verstanden.7

Louis Tuaillon war ab 1882 im Meisteratelier von Reinhold Begas (1831-1911). Im Jahr 1885 übersiedelte Tuaillon nach Rom, wo er bis 1903 blieb und zu künstlerischer Eigenständigkeit fand. Über Artur Volkmann (1851-1941) ergab sich eine enge Beziehung zum Kreis um Hans von Marées (1837-1887) und Adolf von Hildebrand (1847-1921). Zurück in Berlin trat er der dortigen Secession bei. Innerhalb kurzer Zeit avancierte er zu einem geschätzten Künstler und erhielt zahlreiche staatliche Aufträge für Reiterstandbilder. Seit 1906 war er Mitglied der Berliner Akademie, seit 1907 Vorsteher eines Meisterateliers für Bildhauerei an der Akademie. Zu seinen Schülern zählte Georg Kolbe (1877-1947). Louis Tuaillon gilt heute als ein Wegbereiter der Moderne im Berlin der Jahrhundertwende.

 

 


1 Vgl. J. Meier-Graefe, Hans von Marées, sein Leben und Werk, Bd. 2, München/Leipzig 1909/10, Nr. 1000.

2 Frühjahrsausstellung der Akademie der Künste, Berlin 1919, Nr. 318. Vgl. Gert-Dieter Ulferts, Louis Tuaillon (1862-1919). Berliner Bildhauerei zwischen Tradition und Moderne, Berlin 1993, S. 151.

3 Eine Liste der bekannten Statuetten gibt Ulferts wieder: vgl. Ulferts, op. cit., S. 155. Er listet vier Exemplare mit einer Höhe von 84,5 cm.

4 Eduard Arnhold (1849-1925) war im Kaiserreich und in der Weimarer Republik einer der bedeutendsten Mäzene Deutschlands und Gründer und Stifter der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom. Zusammen mit Tuaillon und dem Architekten Maximilian Zürcher leitet er den Bau der Gebäude und die Anlage des Parks.

5 Louis Tuaillon, Amazone zu Pferd, Bronze, Metropolitan Museum, New York (Inv. Nr. 10.74), vgl. http://www.metmuseum.org/collection/the-collection-online/search/191334 (19.01.2016);

Louis Tuaillon, Amazone zu Pferd, Bronze, 84,5 cm, bezeichnet auf der Plinthe hinten L. Tuaillon, Gießermarke Guss v. H. Noack Berlin, Bremer Kunsthalle (Inv. Nr. 114-1904/18), vgl. Ulferts, op. cit..

6 Louis Tuaillon, Amazone zu Pferd, Bronze, Höhe 84,5 cm, bezeichnet auf der Plinthe vor dem linken Hinterhuf des Pferdes L.TVAlLLON, Neue Pinakothek, München (Inv. Nr. L. 1414);

Louis Tuaillon, Amazone zu Pferd, Bronze, Höhe 84,5 cm, Schloss Cecilienhof, Postdam;

Louis Tuaillon, Amazone zu Pferd, Bronze, Höhe 84,5 cm, bezeichnet auf der Plinthe links L.TUAlLLON, Gießerstempel Martin Plitzing Berlin Hofbildgießer, Stichting Huis Doorn, Doorn (2000 gestohlen, vgl. http://www.huisdoorn.nl (19.01.2016)).

7 Eine Statue des gleichen Titels von August Kiss (1802-1865) am Alten Museum, 1842 fertiggestellt, zeigt in hoher Expressivität eine Amazone, die im Begriff ist, mit einer Lanze den Angriff eines Panthers abzuwehren. Vgl. Fabian Selle, Die Skulpturengruppe "Amazone" vor dem Alten Museum in Berlin von August Kiss 1837-1842, Saarbrücken 2008.

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