Ludwig Meidner

Ludwig Meidner 
(Bierutów, ehemals Bernstadt 1884 - 1966 Darmstadt)

Selbstportrait bei der Arbeit, 1921

Schwarze Kreide auf Papier, 63,7 x 47,5 cm
Monogrammiert und datiert unten links LM 1921 und rechts unten 1.III.1921

Provenienz:
Sammlung Peter Hopf, Berlin[1] Privatsammlung, England

Ausstellung:
Tendenzen der Zwanziger Jahre. Die Novembergruppe, 15. Europäische Kunstausstellung, Kat. Ausst. Berlin, Kunstamt Wedding, Walther-Rathenau-Saal, Rathaus Wedding, Berlin 1977, Kat. Nr. 43, mit Abb.

 

 

 

 

 

 

Kaum ein Künstler des 20. Jahrhunderts hat eine größere Zahl an Selbstbildnissen geschaffen als Ludwig Meidner.[2] Seine gesamte künstlerische Laufbahn hindurch stellte er sich selbst in Frage, suchte Dialog mit dem Spiegel und schuf eine Fülle grandioser, erschütternder, bisweilen nachhaltig irritierender Selbstbildnisse. Ähnlich wie in seiner literarischen Arbeit entblößte er auch im Selbstbildnis immer wieder seine Seele, im rauschhaften Wechsel von ekstatischen Erfahrungen, Jubel und Pein.
Selbstdarstellungen durchziehen Meidners gesamtes Werk. Die Anfänge tragen deutliche akademische Züge und Anklänge an den Jugendstil. Das Jahr 1912 brachte eine stilistische Wende: Analog zu seinen apokalyptischen Landschaften – aus den Fugen geratene, schwankende Stadtbilder mit einer verstärkten Hinwendung zu jüdischer und christlicher Mystik – zersplittern unter dem Einfluss des Kubismus wie des Futurismus auch Meidners Bildnisse und Selbstportraits. Das Antlitz ist verzerrt, der Kopf deformiert, die Hände verkrüppelt. Farbe wird, wenn sie zum Einsatz kommt, expressiv-lodernd.
Erst in der Zeit um 1920, aus der die beiden vorgestellten, in Berlin entstandenen Selbstbildnisse stammen, tritt eine allmähliche Beruhigung dieses extrem dynamischen Stiles ein.

Die Originalität und Dynamik seiner Bildschöpfungen sowie seiner Dichtungen zeichnen Ludwig Meidner als bedeutenden Expressionisten aus. Als Maler, Zeichner, Radierer und auch als Literat und Feuilletonist hat er ein vielfältiges und umfangreiches OEuvre hinterlassen.

Nach nur zweieinhalb Jahren an an der Kunstakademie in Breslau zog Meidner 1905 für kurze Zeit nach Berlin. Die nächsten zwei Jahre verbrachte er in Paris. Er besuchte die Private Malklassen, die angesehene Académie Julian und das Atelier Cormon. In diesen Aufenthalt datiert auch seine Freundschaft mit Amadeo Modigliani (1884-1920) an.
Unter dem Eindruck der Arbeiten Robert Delaunays verbindet Meidner ab 1910 kubistische und futuristische Einflüsse zu seinem stark expressionistischen Duktus. In Berlin wurde er bekannt für seine „Apokalyptischen Landschaften“ die wie eine Vorahnung der Gräuel der Weltkriege wirken, sowie für seine Selbst- und Künstlerportraits der Berliner Szene.
Im ersten Weltkrieg leistete er seinen Militärdienst als Dolmetscher in einem Gefangenenlager ab. Ab den 1920er Jahren spielten religiöse Themen eine entscheidende Rolle für seine Kunst. Der bewegte expressionistische Duktus seiner Hand beruhigt sich, die Linienführung, namentlich in seinen Papierarbeiten, wird kleinteiliger, feiner.
1935 verließ er unter dem Druck zunehmender Repression Berlin und ging als Zeichenlehrer an eine jüdische Schule in Köln. Im August 1939 emigrierte er nach England, wo er und seine Familie in äußerst dürftigen Verhältnissen lebten. Nachdem Meidner 1953 nach Deutschland zurückgekehrt war, fand sein Werk, nach Jahren der Verfemung beinahe in Vergessenheit geraten, erst langsam wieder Anerkennung.

Das im März des Jahres 1921 in schwarzer Kreide ausgeführte Selbstbildnis steht in Haltung und Ausdruck unserem Aquarell (Selbstportrait, 1920, Aquarell, Gouache und Kohle auf Papier, 57 x 47 cm) recht nahe, der Einsatz der Kreide jedoch verleiht dem Blatt einen gänzlich anderen Charakter. Der Künstler ist im Begriff sein Selbstportrait zu fertigen. Voller Konzentration blickt er in den Spiegel, den Kreidestift in der rechten Hand. Die gebündelten parallelen Schraffuren, die an druckgraphische Blätter erinnern, begegnen auch auf anderen Zeichnungen jener Zeit.[3] Das Selbstportrait trägt noch die charakteristischen Züge der Verzerrung und Verfremdung der früheren Jahre, besonders durch den auffallenden Kontrast zwischen kleiner Hand und riesenhaftem Kopf. Durch die dichten Linien wird der Ausdruck jedoch deutlich differenzierter. Im Gegensatz zu den gleichsam explosionsartig auseinanderstrebenden Linien der Bildnisse um 1912 haben sich die Züge gefestigt. Meidner setzt sich nun auf andere, weniger Effekt heischende Weise mit seinem zerrissenen Innenleben auseinander, nicht weniger schonungslos aber vielschichtiger als in den Jahren um 1912.


[1] Peter Hopf (1937 bis 2004), selbst Maler und Bühnenbildner, leitete das „Kunstamt“ des Berliner Arbeiterbezirks Wedding und widmete sein eigenes Sammeln den Künstlern der „Novembergruppe“, die aus dem Geist der Revolution von 1918 entstand.

[2] Vgl. Gerda Breuer, Ludwig Meidner. Zeichner, Maler, Literat 1884-1966, Kat. Ausst. Darmstadt, Mathildenhöhe, 15.9.-1.12.1991, Stuttgart 1991; Thomas Grochowiak, Ludwig Meidner, Recklinghausen 1966.

[3] Vgl. Ludwig Meidner, Portrait des Pianisten Walter Kaempfer, 1920, Ölkreide, Sammlung Abraham Horodisch.

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