Max Klinger

Max Klinger (Leipzig 1857 - 1920 Großjena bei Naumburg)

Galatea, 1906

Silberguß, 80 x 31 x 34 cm; Sockel, Marmor 55,7 x 27 x 34 cm;
Gesamthöhe 111,5 cm

Provenienz:
Max Klinger
Sammlung Gustav und Clara Kirstein, Leipzig, Ankauf 1909
Leihgabe Museum der bildenden Künste, Leipzig (seit 1927)
Restitution des Museums der bildenden Künste, Leipzig, an die Kirstein Erben,
September 2000[1] (Durch den Nachlassverwalter Clara Kirsteins gelangte die Statuette vermutlich 1939 in die Kunsthandlung C.G. Boerner und wurde vom Dresdner Kunstsammler Paul Geipel erworben, der das Werk 1956 dem Leipziger Museum schenkte. Die Galatea verblieb jedoch wahrscheinlich die ganzen Zeit im Museum in Leipzig, denn in den Listen der Stiftung Geipel ist die Galatea nicht verzeichnet.[2])
Sotheby’s London, 2001
Privatsammlung, Italien
Leihgabe Museum der bildenden Künste, Leipzig, 2004-2006

Ausstellung:
Dritte Deutsche Künstlerbundausstellung, Großherzogliches Museum für Kunst und Kunstgewerbe, Weimar, Juni 1906, Kat. Nr. 321 (Galathee (Silbergruppe))
Sonderausstellung zur Feier des fünzigjährigen Geburtstages von Max Klinger. Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen, Radierungen, Ätzungen
, Leipziger Kunstverein 1907, Kat. Nr. 12
Ein Überblick über das gesamte bisherige Schaffen Max Klingers an ausgewählten Gemälden, graphischen und plastischen Hauptwerken seiner Hand zusammengestellt im Frankfurter Kunstverein, Frankfurt am Main 1908,
Nr. 117
Max Klinger, Siebzehnte Ausstellung der Berliner Sezession, Berlin 1909,
Nr. 8 (als Nereide)
Europäische Kunst um die Jahrhundertwende, Haus der Kunst, München 1964, Kat. Nr. 925
Max Klinger 1857-1920. Ausstellung zum 50. Todestag des Künstlers, Museum der Bildenden Künste zu Leipzig 1970, Kat. Nr. 16
Europa 1900. Peintures – Dessins – Sculptures – Bijoux, Musee Des Beaux-Arts Ostende 1967, Kat. Nr. 191
Stilkunst um 1900 in Deutschland, Nationalgalerie, Berlin 1972, Kat. Nr. 97, Abb. 126
Max Klinger 1857-1920. Malerei, Graphik, Plastik. Werke aus dem Besitz des Museums der Bildenden Künste Leipzig und der Graphischen Sammlung Albertina Wien, Künstlerhaus Wien 1981, Nr. 12
Max Klinger 1857-1920, Städelsches Kunstinstitut Frankfurt am Main, Von der Heydt Museum Wuppertal 1992, Kat. Nr. 286
Max Klinger 1857-1920, Werke aus der Sammlung Siegfried Unterberger, Goethe Galerie Bozen 2002, S. 34
Max Klinger. Von der herben Zartheit schöner Formen. Gemälde, Zeichnungen, Radierungen, Skulpturen aus der Sammlung von Siegfried Unterberger und aus Museen Thüringens und Sachsens, Kat. Ausst. Apolda, Kunsthaus Apolda Avantgarde, Duisburg, Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Apolda 2010
Max Klinger: ... und ewig lockt das Weib. Werke aus der Sammlung Siegfried Unterberger und dem Museum der bildenden Künste Leipzig, Klinger Villa, Leipzig 2011

Literatur:
‚Ein neues Werk von Max Klinger. 3 Abbildungen der Silberstatuette "Galathea"’, in Zeitschrift für Bildende Kunst, Bd. 17, 1905/1906, S. 286
Max Osborn, ‚Der Deutsche Künstlerbund in Weimar’, in Der Kunstwart, Bd. 20, 1907, 2. Oktoberheft 1906, S. 108
Paul Kühn, Max Klinger, Leipzig 1907, S. 443
Hildegard Heyne, Max Klinger im Rahmen der modernen Weltanschauung und Kunst. Leitfaden zum Verständnis Klinger’scher Werke, Leipzig 1907, S. 60
Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, Bd. 7, 1907, Abb. S. 149
Julius Vogel, ‚Max Klinger. Ein Rückblick und ein Ausblick’, in Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur, Heft 14, 15.04.1909, S. 337-338, Bd. 13, 1.04.1909, Abb. S. 311
Max Schmid, Max Klinger, erw. Auflage Bielefeld, Leipzig 1913, Abb. 113, S. 130
Max Schmid und Julius Vogel, Max Klinger, Bielefeld 1926, S. 148-149, Abb. 126
Max Klinger. Bestandskatalog der Bildwerke, Gemälde und Zeichnungen im Museum der bildenden Künste Leipzig, Leipzig 1995, S. 75, Abb. 132
Andreas Priever und Karl-Heinz Mehnert, Max Klinger, Plastische Meisterwerke, Leipzig 1998, S. 15-16
Herwig Guratzsch (Hg.), Museum der bildenden Künste Leipzig, Katalog der Bildwerke, Köln 1999, S. 195, Nr. 462
Koordinierungsstelle für Kulturgüterverluste Magdeburg (Hg.), Beiträge öffentlicher Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland zum Umgang mit Kulturgütern aus ehemaligem jüdischen Besitz, Magdeburg 2001, S. 219

 

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Der Kunstkritiker Paul Kühn schreibt 1907 über Klingers Galatea: Der matte Glanz des Silbers, der zarte Schimmer der breitflächigen Lichtreflexe in Verbindung mit dem tiefen, feierlich-ernsten Schwarz des polierten Marmors, das ist wieder eine Offenbarung von Klingers Schönheitssinn.[3]

Eine Fotografie aufgenommen auf der Künstlerbundausstellung in Weimar 1906, wirkt wie eine Illustration zu diesem Zitat. Einem antiken Kultbild gleich thront die silberne Sitzfigur der Galatea inmitten soignierter Herren, Mitglieder des kulturellen Lebens ihrer Zeit: Max Klinger, Henry van der Velde, Harry Graf Kessler, Ludwig von Hofmann und andere (Abb. 1).

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Abb. 1 Galatea in Weimar 1906 umringt von Harry Graf Kessler, Ludwig von Hofmann, Max Klinger, Henry van der Velde, Theodor Hagen, Hans Olde (von links nach rechts)

Obwohl Klingers Werk auf traditionellem Boden zu stehen scheint, ermöglicht er dem Betrachter ein assoziatives, subjektives Erleben seiner Kunst – darin liegt Klingers Modernität. In der Galatea fasst er Götzenbild und Materialkult der heidnischen Welt, die ältere und neuere Mythologie, mit der Psychoanalyse und ihrer Schau auf das Unbewusste und die Sexualität zusammen.

Antike und neuzeitliche Mythen ranken sich um die Nymphe Galatea. Sie verschmäht die Liebe des Kyklopen Polyphem[4], Sohn des Poseidon, und gebiert doch den gemeinsamen Sohn, Galatos. [5] Bei Ovid ist dann von ihrem Geliebten, dem schönen Hirtenjungen Acis, die Rede, der von seinem Rivalen Polyphem erschlagen wird. Um sich wieder mit ihm zu vereinen verwandelt die Nymphe den Strom seines Blutes in einen Fluss.

Im 18. und 19. Jahrhundert verbindet sich der Name der schönen Galatea mit der berühmten Skulptur des antiken Bildhauers Pygmalion. Er hatte eine Statue von solcher Schönheit geschaffen, dass er sich unsterblich in sie verliebte. Auf sein Flehen erweckte Aphrodite sie zum Leben und Pygmalion machte sie zu seiner Gemahlin. [6]

Der antike und der neuzeitliche Galatea Mythos verschmelzen in der Kunst des 19. Jahrhunderts und erreichen im Fin de Siècle große Popularität.[7] Jetzt mit einer stark erotischen Konnotation, die den um 1900 tobenden Kampf der Geschlechter spiegelt: Galatea, als femme fatale, stark, begehrenswert, unheilbringend. Klingers Faszination für starke Frauen zeigt sich schon vor der Galatea in seiner Neuen Salomé von 1887/88 und seiner Kassandra von 1895. In der problematischen Liaison mit der Schriftstellerin Elsa Asenijeff (1867-1941) nimmt sie biographische Züge an. Das Rollenbild der emanzipierten Frau war für das überforderte Patriachat eine Provokation, die es in der Femme fatale benennen und bannen wollte.

Den Knaben, fest eingeschlossen zwischen den überschlagenen Beinen Galateas, in einem ödipalen Kontext zu deuten ist naheliegend. [8] Der Kunsthistoriker Werner Hofmann sieht Max Klinger dann auch im Kontext mit Toulouse-Lautrec, Manet, Munch und Cézanne. In dem wichtigen Aufsatz zur Kunst des 19. Jahrhunderts, Das irdische Paradies, schreibt er: Im Ödipus ist noch ein anderes Motiv enthalten: die bewundernde Hingabe des Mannes, der zum Weibe emporblickt. In seinem Blick mischen sich Frage und Begehren, Demut und Ungewissheit. Romantischen Ursprungs ist diese Verehrung der ‚Virago’, sie reicht von Füsslis Kurtisanen (....) bis zu den Frauengestalten Klingers, zur perversen Phantasie des Felicien Rops, zur Zirkusreiterin des Toulouse-Lautrec und zur Madonna von Munch, diesem Andachtsbild des Eros der Decadence.[9]

Ab wann Max Klinger sich mit der Galatea beschäftigte ist unklar. Die in den Dezember 1903 datierte Studie eines weiblichen Aktes in aufrechter Sitzhaltung steht gewiss ebenso in direktem Zusammenhang wie eine weitere Studie.[10] 1905 entsteht dann das heute im Kunstmuseum Leipzig aufbewahrte Gipsmodell.[11] Motivisch und materialverwandt sind Klingers 1905 entstandene Tafelaufsätze für das Neue Rathaus in Leipzig, in denen er sich erstmals mit der Materialität und Technik des Silbergusses auseinandersetzt. Am 22. März 1906 schreibt der Künstler an seinen Freund, den Leipziger Kunstsammler und Verleger Georg Hirzel (1867-1924): Ich bleibe aber hier bei meiner Figur, die ich bis Weimar fertig zu haben hoffe (1. Mai).[12] Tatsächlich wurde die im Sommer 1906 bei Noack & Brückner, Leipzig[13] gegossene Galatea dann auch gerade rechtzeitig zur Ausstellung des Weimarer Künstlerbundes fertig.[14]

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Abb. 2 Jean-Léon Gérôme, Tanagra, 1890, Marmor, Höhe 154,7 cm, Paris, Musée d'Orsay, Inv. Nr. RF 2514

Klinger weilte wiederholt in Paris. Sicherlich sah er dort Jean-Léon Gérômes (1824-1904) Interpretation des Galatea Motivs, ebenso wie dessen 1890 entstandene polychrome, lebensgroße Marmorstatue Tanagra (Abb. 2), deren Sitzhaltung sich an denselben antiken Vorbildern orientiert die auch Klinger konsultiert hat – der von Phidias geschaffenen Sitzfigur von Zeus in Olympia. Gerade im Vergleich mit Gérômes Interpretation sieht man Klingers Modernität, der Schönheit auch das Abseitige, Monströse nebeneinander stellt.

Klinger selbst schreibt:
Neben der Bewunderung, der Anbetung dieser prachtvollen, großschreitenden Welt, wohnen die Resignationen, der arme Trost, der ganze Jammer der lächerlichen Kleinheit des kläglichen Geschöpfes im ewigen Kampfe zwischen Wollen und Können. Zu empfinden was er sieht, zu geben was er empfindet, macht das Leben des Künstlers aus. Sollten den nun an das Schöne gebunden durch die Form und Farbe, in ihm die mächtigen Eindrücke stumm bleiben, mit denen die dunkele Seite des Lebens ihn überflutet, vor denen er auch nach Hilfe sucht? Aus den ungeheueren Kontrasten zwischen der gesuchten, gesehenen, empfundenen Schönheit und der Furchtbarkeit des Daseins, die schreiend oft ihm begegnet, müssen Bilder entstehen, wie sie dem Dichter, dem Musiker aus der lebendigen Empfindung entspringen.[15]


[1] Vgl. Koordinierungsstelle für Kulturgüterverluste Magdeburg (Hg.), Beiträge öffentlicher Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland zum Umgang mit Kulturgütern aus ehemaligem jüdischen Besitz, Magdeburg 2001, S. 236-37.

[2] Vgl. Max Klinger 1857-1920, Werke aus der Sammlung Siegfried Unterberger, Kat. Ausst. Goethe Galerie Bozen 2002, S. 30.

[3] Paul Kühn, Max Klinger, Leipzig 1907, S. 442.

[4] Bekannt ist der einäugige Kyklop aus dem neunten Buch der homerischen Odyssee, in welchem der in seiner Höhle gefangene Odysseus ihn überlistet und blendet.

[5] U.a. ist bei Sandrat zu lesen: Und Bacchilides sagt/ daß er mit ihr einen Sohn/ Namens Galathus/ gezeugt. Joachim von Sandrart, Teutsche Akademie der Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste, Nürnberg 1679, S. 150, http://ta.sandrart.net/-text-1273 (16.06.2016).

[6] Eine Erweiterung ihrer Rolle erfuhr die Galatea durch Jean-Jacques Rousseau am Ende des 18. Jahrhunderts: Der Pygmalion Bildhauer, von den Frauen enttäuscht, verliebt sich in eine von ihm geschaffene Statue, in späteren Adaptionen Galatea genannt. Auf seine Bitte hin wird diese von Venus zum Leben erweckt.

[7] Vgl. Gustave Moreau (1826-1898), Galatea, um 1880, Öl auf Holz, 85,5 x 66 cm, Paris, Musée d'Orsay, Inv. Nr. RF 1997 16. Jean-Léon Gérôme, Pygmalion und Galatea, um 1890, Öl auf Leinwand, 88,9 x 68,6 cm, The Met Museum, New York, Inv. Nr. 27.200.

[8] Klingers bildhauerisches Werk wurde immer wieder von widersprüchlicher Kritik und emotional aufgeladener Diskussion begleitet. Auch diese ungewohnte Bildformulierung trägt zum Unverständnis einiger Zeitgenossen bei, aufgeheizt durch die sexuelle Interpretation der Dargestellten. Vgl. u.a. Max Osborn, ‚Der Deutsche Künstlerbund in Weimar’, in Der Kunstwart, Bd. 20, 1907, 2. Oktoberheft 1906, S. 108.

[9] Werner Hofmann, Das irdische Paradies, München 31991, S. 224.

[10] Die Vorstudie ist auf einem 1920 entstandenen Foto von Klingers Atelier zu sehen. Vgl. Kat. Ausst. Goethe Galerie Bozen 2002, op. cit., S. 22.

[11] Vgl. Herwig Guratzsch (Hg.), Museum der bildenden Künste Leipzig, Katalog der Bildwerke, Köln 1999, S. 194-195, Kat. Nr. 461.

[12] Angela Windholz (Hg.), Mir tanzt Florenz auch im Kopf rum. Die Villa Romana in den Briefen von Max Klinger an den Verleger Georg Hirzel, München, Berlin 2005, Brief Nr. 176, S. 207. Im Brief Nr. 178, vom 5. April 1906, weist Klinger Hirzel auf die Verschiebung der Ausstellung in Weimar hin.

[13] Kein Gießerstempel ist vorhanden, da der Guss äußerst dünn gehalten ist.

[14] Die Jahre zuvor waren geprägt von Klingers Idee, eine Florentiner Künstlerkolonie zu gründen. Klinger erwarb am 4. April 1905 mit Mitteln aus dem Kreise seiner Künstlerfreunde die klassizistische Villa in der Nähe von Florenz. Im selben Jahr wurde erstmalig der Villa Romana-Preis verliehen, ein Gegenmodell zu den Auszeichnungen der staatlichen Akademien. Vgl. Thomas Föhl, Gerda Wendermann (Hgg.), Ein Arkadien der Moderne? 100 Jahre Künstlerhaus Villa Romana in Florenz, Berlin 2005.

[15] Max Klinger, Malerei und Zeichnung, Leipzig 1895, S. 25-27.

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