Max Liebermann

Max Liebermann (1847 - Berlin - 1935)

Selbstbildnis, 1911

Öl auf Holz, 37,2 x 30,8 cm
Signiert und datiert oben links M. Liebermann 1911

Provenienz:
Paul Cassirer, Berlin (1914)
Galerie Caspari, München (eine alte Photographie mit diesem Vermerk befindet sich im Paul Cassirer-Archiv in Zürich)
Josef Stransky New York, 1916
Galerie Gebhardt, München
Privatsammlung Georg Schäfer, Schweinfurt, Inv.-Nr. SGS 1295 (erworben 1953)
Deutsche Privatsammlung

Literatur:
Modern Paintings by German and Austrian Masters. Collected and catalogued by Josef Stransky, New York 1916, S. 225-226, Abb. S. 227
Matthias Eberle, Max Liebermann, Werkverzeichnis der Gemälde und Ölstudien, München, 1995, Bd. 2, Nr. 1911/4, Abb. S. 803

 

Erst spät in seinem Leben kam Max Liebermann zum Selbstportrait, überhaupt zur Portraitkunst.[1] In jüngeren Jahren war er damit nicht sehr erfolgreich gewesen, man denke an das vernichtende Urteil über sein Portrait von Hamburgs Bürgermeister Carl Friedrich Petersen 1891. Erst ab 1907 nahm er wieder vermehrt Aufträge an und avancierte in den folgenden Jahren zu einem gefragten Porträtmaler der Berliner Gesellschaft. Er malte berühmte Persönlichkeiten wie den Dichter Gerhart Hauptmann, den Verleger und Galeristen Bruno Cassirer oder den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg.

Mit der Ausnahme eines 1873 entstandenen Küchenstilllebens, in dem er als Koch auftritt, gibt es von Liebermann kein Selbstbildnis aus jungen Jahren. Das erste eigentliche Selbstporträt malt er mit 55 Jahren, zu dieser Zeit bereits ein erfolgreicher Maler und eine wichtige Figur der Berliner Kunstwelt. Doch auch dafür bedurfte es noch des Anstoßes von außen; die Uffizien in Florenz hatten um ein Selbstporträt gebeten.

Von 1902 bis zu seinem Tod 1935 hat der reife Künstler sich dann aber intensiv mit dem Selbstporträt beschäftigt, nicht weniger als siebzig Mal, so dass es rückblickend eine herausragende Rolle in seinem Gesamtwerk einnimmt. In manchen Jahren häufen sich die Selbstbildnisse, so 1911-1913, 1917 und 1922. Der Kunsthistoriker Hermann Kunisch vermutet, dass es Jahre besonderer öffentlicher und innerer Bewegung waren, in denen die Frage nach sich selbst intensiver wurde, um einer von außen andrängenden Beunruhigung zu widerstehen, oder um sich seiner selbst im Eigensten zu vergewissern und zu bestätigen.[2] Unser Selbstportrait von 1911[3] zeigt den 64-jährigen im Dreiviertelprofil nach links vor dunklem Grund. Er gibt sich selbstbewusst als Mann von Welt, mit Anzug, Schlips und Weste; nichts deutet auf seine Tätigkeit als Maler. Einzig vielleicht das prüfende, weit aufgerissene linke Auge mit dem der Maler sein Konterfei im Spiegel fixiert, während die Arbeit an dem eigenen Porträt fortschreitet.

Liebermanns Selbstbildnis war Teil der außerordentlichen Privatsammlung von Josef Stransky (1872-1936)[4], New York. Stransky, in Böhmen geboren, war nach Stationen in Prag und Hamburg von 1911 bis 1923 Dirigent der New Yorker Philharmoniker, in der Nachfolge von Gustav Mahler. Anschließend wurde er Kunsthändler und stieg bei der Kunstgalerie E. Gimpel & Wildenstein, ab 1933 als Wildenstein & Company bekannt, als Partner ein. Zunächst sammelte er deutsche und österreichische Kunst, später auch französische.[5] Stransky schreibt im Vorwort des Kataloges seiner persönlichen Sammlung Modern paintings by German and Austrian Masters: During the rare hours of leisure which my musical profession has granted me, I have devoted myself to the study of works of art, and especially of paintings. This awakened in me the desire for a collection of my own, and, recognizing the importance of the German and Austrian masters of those latter day, I have acquired works by them only. Most of these pictures I brought with me to America a few years ago[6].

Insgesamt acht Werke von Liebermann enthält Strankys Katalog, der 70 Gemälde einschloss, darunter auch Werke von Wilhelm Leibl, Carl Schuch, Max Klinger, Wilhelm Trübner, Adolph von Menzel, Max Slevogt oder Lovis Corinth.


[1] Vgl. Martin Faass. ‚Mit Weste und Einstecktuch. Liebermanns Selbstbildnisse’, in Martin Faass (Hg.), Ein öffentlicher Kopf. Max Liebermann in Bildnissen, Fotografien und Karikaturen, Berlin 2010, S. 15-25.

[2] Hermann Kunisch, ‚Max Liebermanns Selbstbildnisse’, in Jahrbuch Preussischer Kulturbesitz, Bd. 24, Berlin 1987 S. 342.

[3] Im Frühjahr 1911 weilte Liebermann in Rom, den Sommer verbrachte er in Holland und ist ab Herbst wieder in Berlin, wo er sich um Portraitaufträge kümmerte. Nach dem Bruch von 1910 innerhalb der Secession, übergab Liebermann 1911 seinen langjährigen Vorsitz der Gruppe an Lovis Corinth ab. 1914 gründete sich unter der Beteiligung von Liebermann ein Zusammenschluss mit dem Namen Freie Secession, die bis 1924 bestand.

[4] Zu Stransky siehe Michael Steinberg, Stransky, Josef’, in Grove Music Online. Oxford Music Online: http://www.oxfordmusiconline.com.oxfordmusic.emedia1.bsb-muenchen.de/subscriber/article/grove/music/26899 (20.1.2017).

[5] Vgl. ‘The Private Collection of Josef Stransky’ in ARTNews, 24/33 (16. Mai 1931), S. 86-117; "Collection of a collector": modern French paintings from Ingres to Matisse; the private collection of the late Josef Stransky, exhib. cat. London, Wildenstein & Co., London 1936.

[6] Modern Paintings by German and Austrian Masters. Collected and catalogued by Josef Stransky, New York 1916, S. IV.

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