Moritz Daniel Oppenheim

Moritz Daniel Oppenheim (1800 Hanau - Frankfurt am Main 1882)

David vor Saul, die Harfe spielend, Rom 1823

Öl auf Leinwand, 73 x 100 cm
Links unten signiert und mit Roma 1823 datiert.

Provenienz:
Carl Mayer von Rothschild (1788 - 1855) Neapel und Frankfurt am Main
Privatbesitz, Frankreich

Literatur:
Verzeichnis der Gemälde Frankfurter Künstler zur Herbstmesse 1827, Ausstellung im Katharinenkloster, Frankfurt am Main 1827, Kat. Nr. 340 b.
Ferdinand Hiller, Erinnerungsblätter, Köln 1884, S. 122.
Friedrich von Bötticher, Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts, (Dresden 1891-1901) unveränderter Nachdruck, Hofheim 1974, 2. Bd. (erste Hälfte), S. 186, Nr. 25.
Ausst. Kat.: Moritz Daniel Oppenheim. Die Entdeckung des jüdischen Selbstbewußtseins in der Kunst, hrsg. von Georg Heuberger und Anton Merk, Jüdisches Museum Frankfurt am Main 1999-2000, Köln 1999, S. 350, Nr. I.32 (Verbleib unbekannt).

 

Moritz Daniel Oppenheim wurde 1800 als Sohn eines Kaufmanns und als jüngstes von sechs Geschwistern in der Hanauer Judengasse geboren. Schon mit 10 Jahren erhielt er eine erste künstlerische Ausbildung an der Hanauer Zeichenakademie. 1817 ging er zunächst nach München, wo er zwei Jahre an der Kunstakademie studierte und dann nach Paris zu Jean Baptiste Regnault um seine künstlerischen Fertigkeiten zu vertiefen. In diesen Jahren entstanden vorwiegend Portraits und erste Historienbilder. Bereits damals arbeitete Oppenheim für die aus Frankfurt stammende Bankiersfamilie der Rothschilds, wie das 1821 datierte Portrait von James de Rothschild belegt[1]. Im Spätsommer 1821 hatte Oppenheim dann auch die Gelegenheit mit einem Kurier des Bankhauses Rothschild nach Rom zu reisen. Beinahe vier Jahre lang lebte er in Italien und unternahm Reisen nach Livorno, Pisa, Lucca, Assisi, Florenz, in die Campagna und nach Neapel. Er befreundete sich mit dem Landschaftsmaler Joseph Anton Koch, mit Friedrich Müller und Joseph von Hempel, mit dem er zeitweilig in einem Zimmer des Café greco zusammen wohnte.[2]

Baron Carl Mayer von Rothschild, der die Rothschildbank in Neapel leitete, förderte den jungen Künstler nach Kräften. In seinen Erinnerungen schreibt Oppenheim: Obschon der Herr Baron in Geldsachen genau war, hielt er es doch für seine Pflicht, mich als jüdischen jungen Künstler, den er hatte loben hören, zu protegieren.[3] Carl Mayer von Rothschild erwarb die ersten drei in Rom entstandenen Bilder Oppenheims und erteilte ihm den Auftrag zu einer Susanna im Bade, ein Bild das in Rom Aufsehen erregte und in den Zeitungen „gioiella“ genannt wurde. Auch Bertel Thorwaldsen schätzte den jungen Oppenheim und kaufte sein 1823 in Florenz gemaltes Bild Die Rückkehr des jungen Tobias. Auch später setzt sich Thorwaldsen für den Künstler ein, als ihm 1824 bei einem Zeichenwettbewerb der Academia von San Lucca der erste Preis wegen seiner jüdischen Herkunft aberkannt werden sollte. Thorwaldsen bewirkte bei den Juroren, dass der Preis überhaupt nicht vergeben wurde.

Oppenheims Italienaufenthalt hatte großen Einfluss auf seine künstlerische Entwicklung. Sein Werk erhielt durch den Austausch mit den führenden zeitgenössischen Malern wie Overbeck, Carolsfeld oder Cornelius wesentliche Impulse. Gleichzeitig erhielt er in Rom Zutritt zu Kreisen der gehobenen Oberschicht, darunter zahlreiche Sammler und Mäzene, die ihn mit einer Reihe von Aufträgen bedachten.

1825 kehrte Oppenheim nach Frankfurt zurück, wo er sich bald als gefragter Portraitist etablierte. 1827 traf er Goethe in Weimar, durch dessen Vermittlung er einen Professorentitel verliehen bekam. Er portraitierte zahlreiche Persönlichkeiten darunter Ludwig Börne, Heinrich Heine und Fanny Hensel-Mendelssohn. Auf zahlreichen Reisen durch Europa war Oppenheim auch als Kunsthändler vorwiegend für die Rothschilds tätig. So erwarb er im Auftrag Anselm von Rothschilds die berühmte Kunstsammlung de Reus in Den Haag. In den 1850er Jahren schuf er schließlich mehrere Gemälde, die die Basis für den Graphikzyklus der Bilder aus dem altjüdischen Familienleben bildeten. Moritz Daniel Oppenheim war, wie Georg Heuberger es formulierte, „bereits zu Lebzeiten der erste wirklich populäre jüdische Künstler in Deutschland.“[4]

Das vorliegende Gemälde ist eines der Hauptwerke aus Oppenheims Zeit in Italien. Es schildert eine Begebenheit aus dem Leben des jungen David (1. Samuel 19, 9): König Saul ist eifersüchtig auf Davids kriegerische Erfolge und Beliebtheit und ahnt seine kommende Entmachtung. In der Hand hält er den Speer, mit dem er später zweimal versuchen wird David zu töten. Dieser verspürt jedoch noch keine Gefahr. Sooft nun der böse Geist von Gott über Saul kam, heißt es im Buch Samuel im 16. Kapitel, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm. Links neben dem Thron ist ein Berater des Königs dargestellt, rechts Sauls Tochter Michal, Davids spätere Ehefrau, und ihr Bruder Jonatan, der mit David eng befreundete war und ihm seine Rüstung und seine Waffen übergab. Im Landschaftsausblick des linken Bogens sind die Israelischen Frauen zu erkennen, die den Sieg über die Philister feiern und dabei, zu Sauls Missfallen, im Reigen singen: Saul hat tausend erschlagen, aber David zehntausend. (Samuel 18, 7.) Oppenheim wählt für seine Darstellung nicht den dramatischen Speerwurf, sondern den Moment äußerlicher Ruhe aber höchster psychologischer Spannung.

Eine gegenseitige Federzeichnung, in der Oppenheim die Grundkomposition des Gemäldes entwickelte, befindet sich im Israel Museum in Jerusalem. Ebenso drei in Bleistift ausgeführte Figurenstudien: Männerakt mit Harfe, Auf einem Thron sitzender Männerakt und Jünglingsakt einen Schild haltend.[5]

Die Komposition selbst ist angelehnt an eine Darstellung aus dem berühmten Freskenzyklus mit Szenen aus der alttestamentarischen Joseph-Geschichte, der zwischen 1815 und 1817 von Friedrich Overbeck, Philipp Veit, Wilhelm von Schadow und Peter von Cornelius für die Casa Bartholdy in Rom ausgeführt wurde. So ist die Struktur des Raumes mit dem zentralen Thron, dem ornamentierten Baldachin, dem Fliesenmuster des Bodens und den seitlichen Landschaftsausblicken ganz ähnlich wie auf dem Fresko Joseph deutet die Träume des Pharaos von Peter von Cornelius. Auch die Figur des melancholischen Pharaos, der ein langes Szepter in der Hand hält, gleicht dem Saul mit dem Speer auf unserem Gemälde.[6]

Vielleicht war das 1823 datierte Gemälde Oppenheims selbst Anlass für eine Aufgabe der im „Römischen Komponierverein“ um Schnorr von Carolsfeld gruppierten Künstler. Ludwig von Maydell hatte für einen Herbstabend des Jahres 1824 das Thema „wie David vor Saul die Harpfen spielt“ vorgeschlagen. Die Federzeichnung von Schnorr von Carolsfeld, die an jenem Abend entstand, befindet sich heute in Privatbesitz[7]. Schnorr zeigt die Szene aber von der Seite gesehen und orientierte sich dabei an der Ölskizze eines 1803 von Gottlieb Schick angefertigten Gemäldes[8]. Die Figur des Saul geht auch hier auf den thronenden Pharao des vatikanischen Loggienfreskos Joseph deutet den Traum des Pharao von Gianfrancesco Penni zurück.

Oppenheim hat sein Gemälde wohl zunächst mit nach Frankfurt genommen, denn der Komponist und Pianist Ferdinand Hiller, mit dem Oppenheim seit 1827 befreundet war, schrieb über das Bild: Lebhaft steht mir das große Gemälde vor Augen, welches er nach seiner Rückkehr aus Italien in seinem Atelier in Frankfurt ausgestellt hatte – es stellt David, vor Saul die Harfe spielend, dar und zog durch längere Zeit Scharen von bewundernden Beschauern aus den verschiedenen Welten heran.[9]

Wahrscheinlich hat Carl Mayer von Rothschild, der Wohnsitze in Frankfurt und Neapel unterhielt, das Bild erst nach 1827 in Deutschland erworben. Er besaß damit eine Gruppe von insgesamt fünf Gemälden Oppenheims mit Szenen des Alten Testaments: Abrahams Familie, Das Opfer Abrahams, Jakobs Segen, Susanna im Bade und David vor Saul, die Harfe spielend[10].


[1] Privatsammlung England. Abgebildet in: Ausst. Kat., Jüdisches Museum Frankfurt am Main 1999, S. 171.

[2] Zur Biographie siehe: Ljuba Berankova und Erik Riedel, Moritz Daniel Oppenheim. Biographie sowie Selbstzeugnisse und Erinnerungen seiner Zeitgenossen, in: Ausst. Kat., Jüdisches Museum Frankfurt am Main 1999, S. 341-346.

[3] Moritz Oppenheim, Erinnerungen, hrsg. von Alfred Oppenheim, Frankfurt 1924. Zitiert nach: Ausst. Kat., Jüdisches Museum Frankfurt am Main 1999, S. 342.

[4] Ausst. Kat., Jüdisches Museum Frankfurt am Main 1999, S. 9.

[5] Siehe: Ausst. Kat., Jüdisches Museum Frankfurt am Main 1999, Nrn. VII. 7 (mit Abb.) und VII. 8, 9 und 10.

[6] Vergleiche: Ausst. Kat. Die Nazarener, Städtische Galerie im Städelschen Kunstinstitut, Frankfurt am Main 1977, S. 91 mit farb. Abb. des Freskos. Eine Zeichnung die Cornelius 1816 selbst nach dem Fresko anfertigte befand sich 1987 bei Thomas le Claire Kunsthandel in Hamburg (Katalog IV, Handzeichnungen und Aquarelle 1500-1900, Hamburg 1987, Nr. 49). Die Fresken der Casa Bartholdy, ehemals Teil des Palazzo Zuccari in Rom, wurden 1887 nach Berlin gebracht und befinden sich heute zusammen mit einer Aquarellkopie in der Berliner Nationalgalerie.

[7] Ausst. Kat., Julius Schnorr von Carolsfeld, Zeichnungen aus Privatbesitz, Landesmuseum Mainz und Bayerische Vereinsbank, München 1995, München, New York 1994, S. 146, Nr. 58, mit Abb.

[8] Ausst. Kat., Gottlieb Schick. Ein Maler des Klassizismus, Staatsgalerie Stuttgart, 1976, S. 84 ff., Nrn. 41 u. 42.

[9] Ferdinand Hiller, Erinnerungsblätter, Köln 1884, S. 122. Zitiert nach: Ausst. Kat., Jüdisches Museum Frankfurt am Main 1999, S. 350.

[10] Ausst. Kat., Jüdisches Museum Frankfurt am Main 1999, Nrn. I. 7, I. 8, I. 9, I. 18 und I. 32.

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