Moritz Daniel Oppenheim

Moritz Daniel Oppenheim (Hanau 1800 - 1882 Frankfurt am Main)

Die Theaterloge, vor 1839

Öl auf Holzpanel fest eingebunden im Rahmen,
ca. 26 x 31 cm (Holzpanel), ca. 51 x 57 cm (Holzpanel im Rahmen)

Monogrammiert auf dem Opernglas MO

Provenienz:
Sammlung Zunz, Frankfurt[1] (laut Bilderliste 1880)
wahrscheinlich ‚Stuttgarter Schloss’ (laut Bilderliste 1900)[2] Deutscher Privatbesitz

Literatur:

Georg Kaspar Nagler, Neues allgemeines Künstler-Lexicon: oder Nachrichten von dem Leben und den Werken der Maler, Bildhauer, Baumeister, Kupferstecher etc., Bd. 10, München 1841, S. 365
Friedrich von Bötticher, Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts, Dresden 1901, Bd. 2, zweite Hälfte, S. 185, Nr. 14 [Theaterloge]
Georg Heuberger und Anton Merk (Hg.), Moritz Daniel Oppenheim. Die Entdeckung des jüdischen Selbstbewusstseins in der Kunst, Kat. Ausst., Frankfurt a.M., Jüdisches Museum, und Werkverzeichnis, Köln 1999, S. 371, Nr. V.25 [Theaterloge]

Ausstellung:
Hamburg, Kunstausstellung im Schauspielhaus, Frühjahr 1839[3]

Zeichnung:
Theaterloge, Bleistift auf Transparentpapier, 31 x 34,6 cm, Jerusalem, The Israel Museum, Inv. Nr. P58.08.0630

 

Moritz Daniel Oppenheim war bereits zu Lebzeiten der erste wirklich populäre jüdische Künstler in Deutschland.[4]

1800 in Frankfurt geboren, studierte er ab 1817 für drei Jahre an der Münchner Kunstakademie und setzte seine Studien anschließend bei Jean Baptiste Regnault in Paris fort. Im Spätsommer 1821 nutzte Oppenheim die Möglichkeit, mit einem Kurier des Bankhauses Rothschild nach Rom zu reisen, wo er vier Jahre blieb. Durch den Austausch mit den führenden deutschen Malern in Rom, wie Koch, Overbeck, Carolsfeld oder Cornelius erhielt er wesentliche Impulse. Er fand Zugang zu Roms gehobener Gesellschaft, zahlreichen Sammlern und Mäzenen, darunter auch Baron Carl Mayer von Rothschild, der drei Gemälde von ihm erwarb.

1825 kehrte Oppenheim nach Frankfurt zurück, wo er sich bald als gefragter Porträtist etablierte. 1827 bekam er auf Veranlassung Goethes den Professorentitel verliehen. Er portraitierte zahlreiche Persönlichkeiten seiner Zeit, darunter Ludwig Börne, Heinrich Heine, Fanny Hensel-Mendelssohn. Er wurde der Maler des emanzipierten jüdischen Bürgertums. Auf zahlreichen Reisen durch Europa war Oppenheim auch als Kunsthändler aktiv, vorwiegend für die Rothschilds. In den 1850er Jahren schuf er schließlich mehrere Gemälde, die die Basis für den Graphikzyklus der Bilder aus dem altjüdischen Familienleben lieferten. Oppenheim hat eine lebendige Dokumentation jüdischen Lebens in Deutschland und auch in Europa geschaffen.[5]

Das Gemälde gibt den frontalen Blick in eine Loge. Ein Paar in Abendgarderobe folgt, zusammen mit ihrem Sohn, gebannt der Aufführung. Die besondere Aufmerksamkeit des Künstlers gilt dem Theaterprogramm auf der Balustrade – es wird Molières Tartuffe gegeben. In seiner festen Verbindung mit dem stuckierten Rahmen, der gleichsam die Rahmenarchitektur der Loge schafft, mutet das Gemälde wie ein Guckkasten an. Um den Effekt weiter zu steigern, hängt das Theaterprogramm - ein Trompe-l'œil - aus dem Bildraum über den Rahmen.

Nach Schiller fungiert das Theater, ausgelöst aus dem höfischen Kontext, als ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele.[6] Nicht zufällig ist daher Oppenheims Wahl auf Tartuffe gefallen. Molières Tartuffe (zu deutsch Der Betrüger) kritisiert diejenigen in der Gesellschaft, die unter dem Mantel der Religiosität die Freiheit der anderen einschränken, ihnen ihre Vorstellungen aufzwingen und dadurch gesellschaftliche Macht und Vorteile erlangen.

Abb.:Theaterloge, Bleistift auf Transparentpapier, 31 x 34,6 cm, Jerusalem, The Israel Museum, Inv. Nr. P58.08.0630

Seit 1826 war Oppenheim Mitglied der Freimaurerloge Zur aufgehenden Morgenröthe, die für Emanzipationsbestrebungen des jüdischen Bürgertums in Frankfurt von Bedeutung war.[7] Religiöse und gesellschaftliche Gleichstellung und Toleranz waren sein Thema und wurden in fortschrittlichen Kreisen von allen Seiten propagiert.

In der jüdischen Theatertradition nimmt Molieres Tartuffe Einfluss auf die im Rahmen des Purim Spiels entwickelten jüdischen Komödien z.B. Aaron Halle-Wolffsohns Leichtsinn und Frömmelei. Das Purimspiel war die einzige dramatische Form, die innerhalb der jüdischen Gemeinschaft entwickelt wurde. Im Gefolge der Aufklärung in Deutschland wurde die Komödie bei den jüdischen Aufklärern zur bevorzugten Form um auch bildungsfernes Publikum zu erreichen.[8]


[1] Familie Zunz, Mitglied der jüdischen Gemeinde Frankfurts. Vgl. Heuberger / Merk, op. cit., S. 173.

[2]  Die beiden Bilderlisten befinden sich im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut (Inv. Nr. 71.154). Sie wurden 
von Oppenheim selbst 1880 bzw. von einem der Organisatoren der Ausstellung im Frankfurter Kunstverein 1900 zusammengestellt. Vgl. Heuberger / Merk, op. cit., S. 358.

[3] Am 2. Mai 1839 wird folgendes von der Hamburger Kunstausstellung im Schauspielhaus berichtet:   Außerdem sind noch [...] die „Theaterloge“ von Prof. Oppenheim in Frankfurt vorzüglich nennenswerth. Ludwig Schorn (Hg.), Kunst-Blatt, Stuttgart und Tübingen 1839, S. 199. Vgl. Boetticher, op. cit., S. 185.

[4] Georg Heuberger in Heuberger / Merk, op. cit., S. 9.

[5] Zur Biographie siehe: Ljuba Berankova und Erik Riedel, Moritz Daniel Oppenheim. Biographie sowie Selbstzeugnisse und Erinnerungen seiner Zeitgenossen, in Heuberger / Merk, op. cit., S. 341-6.

[6] Friedrich Schiller, 'Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet', in Sämtliche Werke, Bd. 4, 
Stuttgart 1879, S. 39-46. <<http://gutenberg.spiegel.de/buch/3328/1>> (30.01.2014).

[7] Vgl. Erik Riedel, 'Moritz Daniel Oppenheim und die Freimaurerloge Zur aufgehenden Morgenröthe', in Heuberger / Merk, op. cit., S. 153-69.

[8] Brigitte Dallinger, Trauerspiele mit Gesang und Tanz. Zur Ästhetik und Dramaturgie jüdischer Theatertexte: Zur Ästhetik und Dramaturgie der jüdischen Dramatik, Wien 2010, S. 44.

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