Naum Gabo

Naum Gabo
(Brjansk, Russland 1890 - 1977 Waterbury, USA)

Vorbereitende Studien für ‚Konstruierten Torso’, um 1916

Bleistift auf Papier, 50 x 39,2 cm
Bezeichnet D92 Study for a Kneeling Figure / D92A Two Kneeling Figure Studies
Naum Gabo Oeuvre Nr. D92

Provenienz:
Nachlass Naum Gabo
Annely Juda Fine Art
Privatsammlung, München

Literatur:
Martin Hammer und Christina Lodder, Constructing Modernity. The Art and Career of Naum Gabo, New Haven and London 2000, S. 40, Abb. Nr. 21 und 23

 

 

 

Naum Gabos Aufenthalt in Norwegen von Ende 1915 bis Anfang 1917 markiert einen Umbruch in seinem Leben: (I) found the peace necessary for creativity and for my rebirth from an engineer into a sculptor.[1] Ab 1915 wechselte er seinen Nachnamen von Pevsner zu Gabo.

Nach Studienaufenthalten in München – er studierte anfangs Medizin, später Ingenieurwesen[2] und Kunstgeschichte – verbrachte er die Zeit während des 1. Weltkrieges zusammen mit seinem jüngeren Bruder Alexei im norwegischen Exil. Dort entstanden wichtige frühe Arbeiten wie Constructed Head No. 1, Constructed Head No. 2, Constructed Head No. 3 und der Constructed Torso.[3]

Auf die Skulptur Konstruktivistischer Torso beziehen sich unsere Zeichnungen bzw. sind Vorarbeiten dazu. Gabo hatte anfangs wohl eine stehende Figur vor Augen, die sich jedoch zu einer knienden Gestalt entwickelte. Dieses Stadium spiegelt sich in den vorliegenden Zeichnungen (Vorder- und Rückseite, Abb. 1) wieder. Letztendlich gab Gabo auch die Idee einer Vollfigur auf und beschnitt den Körper unterhalb der Oberschenkel. Gabo experimentiert bei den Zeichnungen zudem mit der Kopf- und Armhaltungen.

Abb. 1 Naum Gabo, Studien für eine kniende Figur (verso)

Die ausgeführte Skulptur in Metall[4] ist verschollen; zwei Modelle für den Konstruktivistischen Torso haben sich erhalten (Berlinische Galerie, Berlin und Tate, London).[5] Constructed Torso ist eine Weiterentwicklung von Constructed Head No. 3 und eine Entfaltung zu einer komplexeren vertikalen Konstruktion. Gabo hat die Figur nicht aus einer Kernmasse heraus entwickelt, sondern aus einzelnen geometrischen Metallsegmenten zusammengefügt. Plastizität wird stattdessen mit den zweidimensionalen Mitteln der Line und Fläche konstruiert. Gabo ist somit einer der ersten Künstler, der Plastiken aus glatten Flächenelementen in solch einer Weise konstruiert, dass die Gesamtform völlig von Räumlichkeit durchdrungen ist.

Nach Ende der Oktoberrevolution kehrte er nach Russland zurück und veröffentlichte 1920 zusammen mit seinem Bruder Antoine das Realistische Manifest, das die Entwicklung der Bildhauerei entscheidend beeinflussen sollte. 1922 erhielt er die Erlaubnis, sich in Berlin niederzulassen, wo er sich an der Ersten Russischen Kunstausstellung beteiligte (Abb. 2). 1935 flüchtete er vor dem Naziregime nach London, später emigrierte er in die USA, wo er 1977 starb.

Abb. 2 Erste Russische Kunstausstellung, 1922, Berlin (von links nach rechts: David Sterenberg, D. Marianov, Nathan Altman, Naum Gabo, Friedrich A. Lutz, Foto von Willy Römer)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


[1] Zitiert nach Martin Hammer, Christina Lodder, Constructing Modernity. The Art and Career of Naum Gabo, New Haven and London 2000, S. 32.

[2] Während dieser Zeit wird er mit mathematischen Modellen vertraut, die einen profunden Einfluss auf die spätere Entwicklung als Bildhauer ausüben sollen.

[3] Vgl. Constructing Modernity, op. cit., S. 34.

[4] Naum Gabo, Constructed Torso, 1917-18, Metallplatten, Höhe c. 137 cm, 1920 vom russischen Staat angekauft, verschollen.

[5] Naum Gabo, Modell für ‚ Constructed Torso’, 1917/18, 1985 wieder zusammengesetzt, Pappe, 117 x 93 x 50 cm, Berlin, Berlinische Galerie, Museum für Moderne Kunst.
Naum Gabo, Modell für ‚ Constructed Torso’, 1917, 1981 wieder zusammengesetzt, Pappe, 39,5 x 29 x 16 cm, London, Tate, Inv. Nr. T06972.

 

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