Otto Scholderer

Otto Scholderer
(1834 - Frankfurt - 1902)

The Masqueraders Vor dem Ball, 1881

Öl Leinwand, 137 x 183 cm
Monogrammiert und datiert unten rechts O.S. 1881

Provenienz:
B.
Creasy, The Mayfair Art Gallery, London[1]
London, Christies, Auktion, 14. April 1944, Lot 65, verkauft an ‘Mr. Einstein’
Galerie Neumeister und Gräf, München 1956
Sammlung Georg Schäfer, Schweinfurt, Inv. Nr. 43250897
Auktionshaus Neumeister, München, Auktion, 25.02.2005, Bilder aus der Sammlung Schäfer, Los 680
Privatsammlung, Deutschland

Ausstellung:
Royal Society of Arts, Birmingham, Autumn-Exhibition Catalogue 1881, Nr. 494, The Masqueraders, 525 £
Wohl Frankfurter Kunstverein, 1883, B.196[2]

Literatur:
Scholderer an Fantin-Latour, 18. April 1881 und 18. Juli 1881
J.
Johnson & A. Greutzner, The Dictionary of British Artists 1880-1940, Bd. V, Suffolk 1976, S. 449
Jutta Bagdahn, Otto Franz Scholderer, Monographie und Werkverzeichnis, Freiburg 2002, Nr. 196
Manfred Großkinsky, Birgit Sander (Hgs.), Otto Scholderer 1834-1902: die neue Wirklichkeit des Malerischen: zum 100. Todestag, Kat. Ausst. Haus Giersch,Frankfurt am Main 2002,
S. 71, Nr. 71

Seit dem frühen 18. Jahrhundert erfreuten sich Kostümfeste und Maskenbälle in ganz Europa großer Beliebtheit. Im Unterschied zu den zahlreichen Gemälden die solche Bälle darstellen, etwa jenes berühmte Gemälde Édouard Manets, heute in Washington[3], stellt Otto Scholder eine Runde von elf Frauen dar, die sich auf ein Kostümfest vorbereiten. Dabei finden Kostüme aus verschiedenen Zeiten und Ländern Verwendung: Aus Gelesenem und Erschautem, aus Gegenwart und Vergangenheit, aus wirklicher und Theaterwelt lässt der Maler eine Folge von Großfiguren entstehen. Das Gemälde ist eine Hommage an die weiblichen Modelle, im weiteren Sinne an die Kunst an sich[4], so Jutta Bagdahn. Für die Konzeption hatte sich Scholderer aber auch bei seinen Malerkollegen und in der Kunstgeschichte umgesehen. So fühlen wir uns an Liotards Schokoladenmädchen, an Manets Bardame Suzon, und besonders prominent an Gainsboroughs berühmten Blue Boy erinnert, heute eine Hauptattraktion der Huntington Collection in Kalifornien, zu Scholderers Londonaufenthalt aber gut zugänglich in einer Londoner Privatsammlung. Eine andere beliebte Quelle für Kostümierungen bot auch die Mode anderer Kulturen, allen voran jene Japans.

Abb. 1 Otto Scholderer, Vorbereitung zum Kostümball, 1879/1880, Öl auf Leinwand, 150 x 211 cm, Sammlung Eheleute Dr. Stefan Schminck, Frankfurt (WVZ Nr. 188)

Die erste Version Preparing for a fancy ball - Vorbereitung zum Kostümball I.
(Abb. 1) entstand zwischen Oktober 1879 und Februar 1880. Es hagelte Kritik, nachdem das Gemälde 1880 in der Royal Academy ausgestellt gewesen war. Scholderer schrieb am 8. Juni 1880 an Fantin-Latour, dass ihm das Gemälde auch nicht mehr gefalle, denn es gibt viele Dinge die schlecht sind, ich hoffe sie verbessern zu können, wenn es aus der Academy zurückkommt (...).[5]

Vorbereitung zum Kostümball I. wurde im Herbst 1880 nach Manchester verkauft. Ein unbekannter Interessent hatte trotz der Kritik Gefallen an dem Sujet gefunden und beauftragte Scholderer gleichzeitig mit der Anfertigung einer weiteren Fassung, mit der Auflage, auch diese in der Royal Academy auszustellen. Scholderer lehnte ab, beschäftigte sich jedoch ab Frühjahr 1881 aus eigenem Antrieb wieder mit der Thematik, wie er am 18. April 1881 seinem Freund Fantin-Latour in einem Brief mitteilte: Je travaille en ce moment à une espèce de reproduction de mon tableau de l’année passée, la préparation pour le bal costumé. Je suis bien content de le faire encore une fois, je crois que cela sera mieux; je crois que ce tableau, l’année passée, m’a appris beaucoup.[6]

Unser Gemälde zeigt, dass sich Scholderer mit der Kritik an der ersten Fassung auseinander gesetzt hatte. Die Gesten und Bezüge der Frauen untereinander und mit dem Betrachter haben an Raffinement gewonnen. Einige Modelle sind ausgetauscht. Die Studien zu dieser Fassung haben sich in der Graphischen Sammlung des Städelschen Kunstinstituts in Frankfurt erhalten.[7]

In den 1850er Jahren studierte Otto Scholderer[8] an der Städelschen Kunstakademie in Frankfurt. Früh lernt er Gustave Courbet kennen. 1857 führte ihn eine erste Reise nach Paris. Er besuchte Victor Müller, der im Atelier von Thomas Couture zusammen mit Wilhelm Heinrich Füssli und Edouard Manet arbeitete, den Scholderer ebenfalls kennenlernte. Er bewegt sich im Freundeskreis Gustave Courbets. Hier begann auch seine lebenslange Freundschaft mit Henri Fantin-Latour, von der sich ein Briefwechsel erhalten hat, dem wir wesentliche Einblicke in Scholderers Biographie verdanken. Nach einem Aufenthalt München bei Leibl und Müller, zwischenzeitlich sein Schwager, zog Scholderer 1871 nach London. Scholderer widmete sich vor allem der Portrait- und Genremalerei, lebte – anders als in Paris, wo er mit den bekanntesten Künstlern verkehrte – zurückgezogen, ohne Kontakte zu englischen Malern. Bis in die 1880er-Jahre hinein wurde er in London von der Kritik zur Kenntnis genommen, der große Erfolg blieb jedoch zu Lebzeiten aus. Warum Scholderer nicht in sein geliebtes Paris zurückkehrte bleibt unklar. The Masqueraders - Vor dem Ball ist ein Hauptwerk Otto Scholderers.


[1] Informationen erhalten von Christie’s Archives, London.

[2] Jutta Bagdahn konnte zwei der neun Werke, die im Winter im Frankfurter Kunstverein ausgestellt wurden, identifizieren: Fresch Herings!/ Frische Heringe!, B.216, und The Masqueraders / Die Maskierten – Vor dem Kostümball, B.196. Thoma an Scholderer am 26. Dezember 1883. Vgl. Jutta Bagdahn, Otto Franz Scholderer, Monographie und Werkverzeichnis, Freiburg 2002, S. 190.

[3] Vgl. dazu Édouard Manets Gemälde von 1878/79 Maskenball in der Oper, Öl auf Leinwand, 59,1 x 72,5 cm, National Gallery of Art, Washington, D.C.

[4] Bagdahn, op. cit., S. 189.

[5] Zitiert nach Bagdahn, op. cit., S. 188, FN 770.

[6] Mathilde Arnoux, Thomas W. Gaehtgens, Anne Tempelaere-Panzani (Hgs.), Briefwechsel
zwischen Henri Fantin-Latour und Otto Scholderer (1858-1902)
, Kritische Online-Ausgabe 2014,

http://quellen-perspectivia.net/de/fantin-scholderer/1881_03 (26.01.2018).

[7] Beispielsweise Otto Scholderer, Figurenstudie, vor 1880, Farbige Kreiden auf Papier, 48,7 x 31,6 cm, Graphische Sammlung im Städelschen Kunstinstitut, Frankfurt, Inv. Nr. 16723.

[8] Vgl. Jutta Bagdahn, ‚Otto Scholderer - Daten zu Leben und Werk’, in Manfred Großkinsky, Birgit Sander (Hgs.), Otto Scholderer 1834-1902: die neue Wirklichkeit des Malerischen: zum 100. Todestag, Kat. Ausst. Haus Giersch, Frankfurt am Main 2002, S 61-80.

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