Pietro Antonio Rotari

Pietro Antonio Rotari (Verona 1707 - 1762 St. Petersburg)

Russisches Mädchen mit Muff, 1752-6

Öl auf Leinwand, 45.2 x 34.5 cm

Provenienz:
Beauftragt von: Maria Josepha von Sachsen, Kronprinzessin von Frankreich, Tochter von August III, Christian Ludwig von Hagedorn oder Grafen Ignaz Accoramboni.[1] Privatsammlung, Deutschland

 

Wir danken Prof. Gregor Weber, Rijksmuseum Amsterdam, für die Bestätigung der Authentizität des Gemäldes auf Grundlage einer Abbildung.[2]

Im Mittelpunkt von Pietro Antonio Rotaris Malerei stand der Versuch, Gemütszustände und Charaktereigenschaften in der Physiognomie sichtbar zu machen. Die wissenschaftliche Grundlage dafür fand er in Le Bruns Anweisung zur Darstellung der Leidenschaften und Affekte.[3] Als autonome Kunstwerke entstanden so zahlreiche Porträtfolgen von Männer und Frauen jeden Alters. In der Graphik gab es solche als „verschiedenen Köpfe“ (varie teste) bezeichnete Bildfolgen schon. Rotari übertrug sie nun in die Malerei.

Rotaris Porträts junger Frauen sind als ein erotisch geladenes Spiel zu lesen. Betrachter und Motiv geben sich dem scheinbar wechselseitigen Spiel von Beobachten und beobachtet werden hin, das Bild und Realität verschwimmen lässt. Der direkte Blick der jungen Frau auf den Betrachter, der ihr Dekolleté und Lippen verdeckende pelzbesetzte Muff, die Sinnlichkeit der dem Blick entzogenen Berührung von Lippen und Pelz – was für eine Inszenierung! Die Pelzkappe unseres Modells war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Mode. Einer ungarischen Tracht entlehnt, avancierte sie am Zarenhof schnell zu einer modischen Kopfbedeckung die auch von der Kaiserin getragen wurde (Abb. 1).

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Abb. 1 Mikhail Shibanov, Kaiserin Katharina II. Im Reisekostüm, 1787, St. Petersburg. Die russische Kaiserin trägt die gleiche pelzbesetzte Mütze.

 

Rotaris für den königlich-sächsischen Hof in Dresden und für das Zaren Schloss Peterhof gefertigte Porträtfolgen haben sich zum größten Teil erhalten. Eine gute Vorstellung von der leider nicht mehr erhaltenen Hängung in Dresden gibt der original erhaltene Rotari Saal in Schloss Peterhof (Abb. 2). Nach Rotaris Tod erwarb Zarin Katharina II. die meisten seiner „Kopfbildnisse“ aus dem Nachlass, um mit den 368 Gemälden einen ganzen Saal in Schloss Peterhof – auch Cabinet der Moden und Leidenschaften[4] genannt – zu schmücken.[5] Die Bildnisse wurden, nur von dünnen vergoldeten Leisten getrennt in einer Boiserie flächendeckend an den Wänden angeordnet.

 

 

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Fig. 2 Rotari Saal in Schloss Peterhof, St. Petersburg

Unser Porträt war wohl für den Dresdner Bildersaal oder für den Saal in Schloss Peterhof gedacht. Darauf deutet die dünne ockerfarbene Umrandung am Bildrand hin, die sich auch an den anderen Porträts für das Dresdner Wandprojekt findet und notwendig war, um die Bilder passgenau in die vorgegebenen Wandausschnitte der Boiserie einzufügen.

Rotari erhielt seine erste Ausbildung durch den flämischen Kupferstecher Robert van Audenaerdt in Verona. Wegweisend ist jedoch die anschließende Lehre bei Antonio Balestra. Nach einem Aufenthalt in Venedig ist er ab 1727 in Rom nachweisbar, um dort zu einem „konsequenteren Klassizismus“[6]zu gelangen. Ab 1729 war er Schüler von Francesco Solimena in Neapel, ehe er 1734 in Verona eine private Akademie für Malerei eröffnete. Als Anerkennung erhielt er 1749 den Titel des Conte verliehen. Ein Jahr später arbeitete der Maler in Wien und schuf vor allem religiöse Gemälde für den Kaiserlichen Hof. In Wien hatte Rotari Gelegenheit zum Studium von Werken Jean-Étienne Liotards. 1752 oder 1753 kam er an den Dresdner Hof. Rotari verschenkte in dieser Zeit zwölf seiner varie teste an Maria Josepha, Dauphine von Frankreich. 1756 reiste er dann aber nicht nach Frankreich, sondern auf Einladung der Zarin Elisabeth von Russland nach St. Petersburg. Nachdem er mit dem Porträt der Zarin großen Erfolg hatte, wurde er zum Hofmaler ernannt, ehe er bereits 1762 überraschend verstarb.

 


[1] Prof. Gregor Weber, Rijksmuseum Amsterdam hat uns auf diese Vermutliche Provinienz hingewesen.

[2] Opinions concerning works of art are given by the staff of the Rijksmuseum to the best of their knowledge. Such opinions remain the intellectual property of the museum, and may be made public or repeated only with written authorization from the Rijksmuseum. Opinions will be offered at the request of bona fide owners of works of art or their legal representative. The Rijksmuseum and individual members of its staff take no responsibility whatsoever for any inaccuracies or omissions in their statements, nor for any consequential losses to third parties nor for any claims that may arise.

[3] Charles Le Bruns Conférence [...] sur l’expression générale et particuliére des passions richtete sich direkt an die bildenden Künstler. Mehrere Auflagen erschienen nach der von Le Brun selbst illustrierten Erstausgabe von 1696, 1751 auch in Verona.

[4] G. K. Nagler, Neues allgemeines Künstler-Lexicon, Bd. 13, München 1843, S. 463.

[5] Zur Biographie siehe Gregor J. M. Weber, Pietro Graf Rotari in Dresden. Ein italienischer Maler am Hof König Augusts III. Bestandskatalog anläßlich der Ausstellung im Semperbau, Kat. Ausst., Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Emsdetten, Dresden 1999, S. 7-15.

[6] Weber, op. cit., S. 7.

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