Robert Zünd

Robert Zünd (1827 - Luzern - 1909)

Studie eines entwurzelten Laubbaumes

Öl auf Papier, auf Karton aufgezogen, 16,5 x 28,4 cm

Provenienz:
Schweizer Privatbesitz

 

Nach ersten zeichnerischen und malerischen Kenntnissen im Atelier von Jakob Schwegler, siedelte Robert Zünd 1848 nach Genf und arbeitete bei den beiden führenden Landschaftern der Schweiz, François Diday (1802-1877) und Alexandre Calame (1810-1864). 1851 lernte er in München den Maler Rudolf Koller (1828-1905) kennen, mit dem ihn fortan eine enge Freundschaft verband. 1852 reiste Zünd erstmals nach Paris, wo er sich vor allem für die Meister des 17. Jahrhunderts interessierte. Nach einer Reihe weiterer Parisaufenthalte sowie Reisen nach Dresden und München ließ er sich 1863 in der Nähe von Luzern nieder.

Die Ölstudie entstammt dem Frühwerk Zünds. Ab Herbst 1848 besuchte Zünd Calames Schüleratelier und beschäftigte sich intensiv mit dessen Œuvre. Mit Calame teilte Zünd die Vorliebe für Bäume, auch für entwurzelte Bäume (Abb. 1). Er dürfte sich bei dieser Arbeit an Vorbildern seines Lehrers orientieren haben.[1] Zünds frühe Werke sind geprägt von der akribisch naturalistischen Wiedergabe der Natur und Naturphänomenen. Ab den 1860er Jahren änderte sich seine Intension, so dass er sich mit der ihn umgebenden Natur in Harmonie verbinden[2] wollte.


Abb. 1 Robert Zünd, Baumstudie, Bleistift und Sepia auf Papier, 28,8 x 37,4 cm, signiert und datiert unten links 20 Janvier 50 / Copie nach A. Calame / von R. Zünd

Dargestellt ist auf unserer querformatigen Studie ein entwurzelter Baum, welcher schon vor längerer Zeit durch äußere Einwirkungen, sei es durch Sturm oder Gewitter, aus der Erde gerissen worden ist. Der Baum ist nach rechts gestürzt und nimmt die ganze Breite des Formates ein und geht sogar darüber hinaus. Hinterfangen wird der kahle Baum von einem zweiten Baum mit dichter Blätterkrone. Zwei Gegensätze hat Zünd somit in seiner Studie auf engstem Raum dargestellt. Der Gesamteindruck des Bildes ist von der Lebendigkeit der Freilichtmalerei geprägt und dokumentiert die atmosphärische Stimmung des Wetter- und Lichtwechsels.

Der Baum mit seinem Wurzelwerk und kahlen Ästen und Zweigen ist minutiös wiedergegeben. Zünds naturalistische Auffassung ist dabei hinsichtlich der präzisen Nahsichtigkeit mit Landschaften Waldmüllers vergleichbar.[3] Der Farbauftrag ist in den Partien der Äste und des Stammes pastos, von nahezu altmeisterlicher Präzision und kräftiger Durchzeichnung. Demgegenüber steht das moderne Empfinden des Malers für das Licht in der Farbe[4] – etwa in dem frischen Rostbraun des Wurzelwerkes – welches Zünds großes Talent als Landschaftsmaler unterstreicht.

Zünds beeindruckend realistische, großformatige Landschaften basieren zumeist auf mehreren Zeichnungen und Ölskizzen nach der Natur. Diese überraschen einerseits durch ihre freie Pinselführung und bezeugen andererseits den hohen Stellenwert der Naturbeobachtung für den Künstler. Bereits Zünds malerische Skizzen sind aber auch das Produkt bewusster künstlerischer Intervention. Die vorliegende Ölstudie überzeugt vor allem hinsichtlich der Tiefe erzeugenden Lichtführung, der Wahl des Bildausschnitts und der Positionierung des Baumes. Besonders eindrucksvoll ist Zünds ausgeklügelte Perspektive, die er in seinen späteren Werken zur Perfektion bringt.[5]

 

[1] Vgl. Valentina Anker, Alexandre Calame (1810-1864). Dessins. Catalogue raisonné, Wabern-Bern und Bernex 2000, Abb.en S. 201 F 8r, S. 210 F 33r (Arbre coupé, datiert 1850).

[2] Susanne Neubauer (Hg.), Robert Zünd, Kat. Ausst. Luzern, Kunstmuseum Luzern, 12. Juni - 26. September 2004, Wabern-Bern 2004, S. 10.

[3] Vgl. Agnes Husslein-Arco und Sabine Grabner (Hg.), Ferdinand Georg Waldmüller. 1793-1865, Kat. Ausst. Paris, Musée du Louvre und Wien, Belvedere 2009, Kat. Nr. 10, 11 und 16-18.

[4] Literarische Chronik des Berner Bundes, 4. August 1912: Zünds Landschaftsstudien, die von den fünfziger bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts vor der Natur entstanden, gehören zum Unmittelbarsten und Interessantesten im Werke des Malers; vor allem sind es die Ölstudien, die sich in voller Frische erhalten haben und die schon zu Zünds Lebzeiten sorglich gehütet – zwar wenig bekannt, aber von Künstlern und Kennern, die sie je zu Gesicht bekamen, ungemein geschätzt wurden. Die Naturtreue, die Kraft der Zeichnung, wie das moderne Empfinden für das Licht in der Farbe, machen diese Studien zu den wertvollsten Dokumenten für Zünds künstlerische Persönlichkeit.

[5] Robert Zünd, Eichwald, signiert unten links R. Zünd, Öl auf Leinwand, 79 x 52 cm. Vgl. Daxer & Marschall, Paintings and Oil Sketches 1600-1920, München 2015, S. 70-71.

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