Vilhelm Hammershøi

Vilhelm Hammershøi (1864 - Kopenhagen - 1916)

Interieur. Strandgade 30, 1905

Öl auf Leinwand

Signiert unten rechts V.H.

46,5 x 38,6 cm

Provenienz:
Sammlung Einer Koch (um 1918)[1] Auktion in Kunsthallen, Købmagergade 11, Kopenhagen, Nr.280, 1968, Kat.Nr.89
Sammlung Olof Sager, Malmö[2]

Ausstellungen:
Göteborg, Kunstmuseum, Vilhelm Hammershøi, 09.10.1999 - 23.01.2000, S. 116,
Kat. Nr. 37 mit Abbildung
Stockholm, Nationalmuseum, Vilhelm Hammershøi, 18.02. - 07.03.2000, S. 116,
Kat. Nr. 37 mit Abbildung

Literatur:
Sophus Michaëlis und Alfred Bramsen, Vilhelm Hammershøi - Kunstneren og hans vaerk, Kopenhagen, Christiana 1918, S. 104, Kat. Nr. 271: „Stue“ 1905
Vilhelm Hammershøis Wohnung in der ersten Etage der Strandgade 30 lag in einem Backsteingebäude des 17. Jahrhunderts. Hier lebte er zusammen mit seiner Ehefrau Ida zwischen 1898 und 1909 (Abb. 1). Die Wohnung diente ihm gleichzeitig als Motiv und Atelier[3]. Das hier gezeigte Gemälde entstand im Wohnzimmer, dem größten Zimmer der Wohnung, welches Hammershøi oft als Motiv diente. Das Ehepaar ließ, vor seinem Einzug Täfelungen, Zierleisten, Fenster und Türen hell streichen. Die dunkel gebeizte Dielen, die grauen Wände und Decken dienten als Kontrast.

 

plan_of_appartment                                 Abb. 1: Grundriss der Wohnung in der Strandgade 30

 

Ein Zitat aus einem 1907 gegebenen Zeitungsinterview gibt Auskunft über Hammershøis Intentionen: Das, was mich ein Motiv auswählen lässt, sind ebenso sehr die Linien, was ich den architektonischen Gehalt eines Bildes nennen will. Und dann natürlich das Licht. Selbstverständlich hat es ebenfalls eine große Bedeutung, aber die Linien sind wohl das, was mir am wichtigsten ist. Natürlich ist auch die Farbe nicht unwichtig. Es ist mir wirklich nicht gleichgültig, wie es farblich aussieht. Ich arbeite sehr daran, es harmonisch erscheinen zu lassen. Aber wenn ich ein Motiv auswähle, dann denke ich zuerst und vor allem an die Linien.[4]

Vier Möbelstücke, entsprechend dem unterschiedlichen Material und der Belichtung des Raumes in verschiedenen Brauntönen gehalten, möblieren die Wohnstube. Sie gehörten tatsächlich zu Hammershøis Mobiliar und sind nicht nur auf Fotografien (siehe Abb. 2), sondern auch in anderen Interieurdarstellungen des Künstlers dokumentiert. [5] Die Komposition ist mit Raffinement konstruiert. Der Blickpunkt liegt tief. Die Zentralperspektive wirkt durch die in extremer Seitenansicht entlang der rechten Wand gestaffelten Möbel fast übertrieben. Dahinter fällt der Blick frontal auf das neunzig Grad geöffnete Türblatt und auf den Mahagonischrank daneben. Die linke Bildhälfte ist leer. Lediglich ein Stuhl steht kontrastierend, die Silhouette betont, vor der hellen Rückwand. Der Stuhl ist durch seine Positionierung und Lichtführung so hervorgehoben, dass er die Massierung des Mobiliars in der rechten Zimmerhälfte ausbalancieren kann.

 

hammershoi_with_wife_idaAbb. 2: Hammershøi mit Ehefrau im Wohnzimmer, um 1905, Kgl. Bibliothek, Kopenhagen

 

Das Zimmer wirkt unbelebt und gibt keinen Einblick in das Leben seiner Bewohner preis: ein Zimmer ohne „Milieucharakter“ entsteht. Hammershøi - Zitat Kaspar Monrad - „scraped the story away and left the core behind“[6]. Ein Interieur ohne Figuren[7], sorgfältig modelliert durch das einfallende Tageslicht. Dieses trübe Licht, das durch die im Rücken des Betrachters liegenden Fenster in den Raum strömt, erzeugt ein gedämpfte Farbigkeit[8] aus sanft kontrastierenden Braun- und Grautönen. Nur der für die Komposition zentrale Stuhl und die direkt dem Licht zugewandte Wange des Bücherregals wirken hervorgehoben, gleich der Betonung einer einleitenden frontalen und einer die Komposition abschließenden Rückenfigur in einem Historienbild.[9]

Gestern habe ich zum erstenmal Hammershöj gesehen... ich bin sicher, je öfter man ihn sieht, desto deutlicher wird man ihn erkennen, und desto mehr wird man seine wesentliche Schlichtheit finden. Ich werde ihn wiedersehen, ohne mit ihm zu sprechen, denn er spricht nur Dänisch und versteht kaum Deutsch. Man fühlt, daß er nur malt und nichts anderes kann oder will.

Mit diesen Worten beschreibt Rainer Maria Rilke (1875-1926) seine Begegnung mit Hammershøi 1904 im Rahmen seiner Kopenhagenreise. Nach einem Besuch der Internationalen Kunstausstellung im Städtischen Kunstpalast in Düsseldorf begann sich Rilke für das Werk des dänischen Malers zu interessieren. Anfang Dezember traf er ihn auf Vermittlung von Alfred Bramsen (1851-1932), mit der Absicht einen Artikel für Die Zeit und einen Essay zu schreiben. Vorhaben, die Rilke nie verwirklichte, da er wohl aufgrund des kurzen und von Seiten Hammershøis schweigsamen Zusammentreffens nicht ausreichende „Blicke und Einblicke“[10] in das Werk und das Leben des Malers sammeln konnte. 1905 verlagerte Rilke seinen Lebensmittelpunkt nach Paris und arbeitete dort als Auguste Rodins Sekretär.

Im Jahr 1879 begann Hammershøi das Studium an der Kopenhagener Kunstakademie. Nach Studienabschluss 1885 gab er in der Charlottenborger Frühjahrsausstellung der Kunstakademie sein Debüt mit dem Portrait eines jungen Mädchens. Sein Gemälde Schlafzimmer wurde 1890 von dem Ausstellungskomitee der Kunstakademie abgelehnt. Fortan stellte Hammershoi in der von dem Künstler Johan Rohde organisierten Den Frie Udstilling aus. 1891 heiratete er Ida (1869-1949), die jüngere Schwester des Kommilitonen und Freundes Peter Ilsted, die ihm in vielen Interieurdarstellungen Modell stand. Zusammen unternahmen sie ausgedehnte Reisen in ganz Europa. 1905 kaufte der einflussreiche Berliner Kunsthändler Paul Cassirer mehrere Bilder und widmete dem Maler 1906 eine Einzelausstellung in seiner Hamburger Galerie. Hammershøi war 1889 und 1900 auf der Weltausstellung in Paris, 1903 auf der Biennale in Venedig, des Weiteren in Ausstellungen in Deutschland, England, Russland und den USA vertreten. Nach Hammershøis Tod wurden seine Gemälde am 30. Oktober 1916 versteigert. Sein Oeuvre fiel in Vergessenheit und wurde erst in den 1970er Jahren mit der Neubewertung des Symbolismus wiederentdeckt.[11]

 

 

 

[1] Einer Koch besaß ein weiteres Gemälde, eine Landschaft, 1909, von Vilhelm Hammershøi, verzeichnet im Werksverzeichnis von Michaëlis und Bramsen, op.cit. Kat. Nr. 318, S. 108.

[2] Olof Sager, Universitätsprofessor für Englisch an der Universität in Lund, besaß eine bedeutende Kunstsammlung.

[3] Im einem Interview 1907 äußerte sich Hammershøi wie folgt zu seiner Wohnung: Und es ist wichtig für mich, in einer Wohnung mit schönem Interieur zu wohnen, hier sind schöne Zimmer, um darin zu malen. Seit ich ganz jung war, habe ich kein richtiges Atelier mehr gehabt: Vilhelm Hammershøi, Kat. Ausst. Hamburger Kunsthalle, Hamburg 2003, S. 134.

[4] Op.cit. Hammershøi, Kat. Ausst. Hamburg, S. 135.

[5] Stuhl: Interieur Strandgade 30, 1908, Öl auf Leinwand, 79 x 66 cm, AROS Aarhus Kunstmuseum, Aarhus; Schrank: Interieur, 1895, 97 x 70 cm; Bücherregal: Interieur mit Klavier und Frau, 1901, 63 x 52,5 cm, Ordrupgaard Samlingen, Kopenhagen; Schreibtisch: Interieur mit Frau an einem Schreibpult, 1900, Öl auf Leinwand, 41 x 34,5 cm, Privatsammlung, Abb. siehe Philipp Delerm, Intérieur. Vilhelm Hammershoi, Paris 2001.

[6] Patricia G. Berman, In another Light. Danish painting in the nineteenth century, London 2007, S. 221.

[7] Vgl. Susanne Meyer-Abich, Vilhelm Hammershøi - das malerische Werk, Univ. Diss., Bochum 1995, S. 62. Weitere Beispiele: Sunlight in the Room, 1906, The David Collection, Kopenhagen, 54,5 x 46,5 cm; Interior with the Artist’s Easel, 1910, Statens Museum for kunst, Kopenhagen, 84 x 69 cm.

[8] Warum ich wenige und gedämpfte Farben benutze? Das weiß ich gar nicht. Es ist ziemlich unmöglich für mich, irgendetwas zu diesem Thema zu sagen. Es ist ganz natürlich für mich, doch warum, kann ich nicht sagen. Aber es war auf jeden Fall so, seitdem ich zum ersten Mal ausgestellt habe. Sie können vielleicht am besten als neutrale und reduzierte Farben bezeichnet werden. Ich bin zutiefst überzeugt, dass ein Bild den besten Effekt hat im farblichen Sinne je weniger Farben es hat: op.cit. Hammershøi, Kat.Ausst. Hamburg, S. 135.

[9] Dies kann als ein Rückgriff auf die Kunst der Alten Meister wie Nicolas Poussin begriffen werden.

[10] Poul Vad, ‚Vilhelm Hammershøi und Rainer Maria Rilke’, in: Akzente: Zeitschrift für Literatur, XLIII, 1996, Nr. 6, S. 562-571, hier S. 574.

[11] Hammershøi, Kat. Ausst. Hamburg, S. 127. Hammershøis Verhältnis zum Symbolismus ist ambivalent. Sein als „Schlüsselwerk der dänischen Kunstgeschichte“ und „Durchbruch einer symbolistischen Ästhetik“ bezeichnete Gemälde Artemis war 1894 in Den frie Udstilling ausgestellt. Es ist aber fraglich in wie weit Hammershøi sich selbst als Symbolist sah, zumal er sich einer in Paris gesehen Symbolisten-Ausstellung                            gegenüber negativ geäußert hat. (vgl. op.cit. Hammershøi, Kat. Ausst. Hamburg, S. 14).

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