Vilhelm Hammershøi

Vilhelm Hammershøi (1864 - Kopenhagen - 1916)

Selbstbildnis, 1895

Öl auf Leinwand

Rückseitiges Etikett Betegnet pa original montering: / Strandgade N. 25[1]

33,4 x 28,2 cm

Provenienz:
Ida Hammershøi (siehe Anmerkung 7)
Kopenhagen, Kunsthallen, Auktion, September 1998, Lot 67, Abb.
Privatsammlung, Dänemark

Ausstellung:
Modum, Blaafarvevaerket, Den forunderlige stillheten: Ida Lorentzen og Vilhelm Hammershøi, 2005, Kat. Nr. 37, Abb. S. 67

 

 

Über seine gesamte Schaffenszeit befasste Vilhelm Hammershøi sich neben seinen allseits bekannten Interieurs auch mit Landschaften, Architekturdarstellungen und immer wieder mit dem Porträt. Neben Bildnissen seiner Frau, seiner Familie, des Freundeskreises entstanden fortlaufend Selbstporträts. „Ich möchte ungern Portraits in dem Sinne malen, dass fremde Menschen kommen und ihre Portraits bestellen, daraus mache ich mir nichts; ich möchte sie am liebsten sehr gut kennen, um sie zu malen“.[2]

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Abb. 1 Der Künstler und seine Frau, 1892

Hammershøis Selbstportraits treten gehäuft in seinem Früh- und Spätwerk auf[3].Sie sind Ausdruck der intensiven Selbstreflexion die sein gesamtes Oeuvre prägt und dokumentieren eindrucksvoll die akribische Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit. Für die frühesten Selbstbildnisse[4], entstanden in den 1880er Jahren während des Studiums an der Kopenhagener Kunstakademie, wählte Hammershøi die Frontalansicht. Im darauffolgenden Jahrzehnt beschäftigte er sich mit unterschiedlichen Perspektiven. Er malte innerhalb weniger Jahre ein Doppelporträt von sich und seiner Frau (Abb. 1)[5], drei Selbstbildnisse (Abb. 2-4)[6] und das hier vorzustellende Selbstportrait, von welchem eine im Format kleinere Vorstudie in Bleistift und Kreide (Abb. 5)[7] in der Fondation Custodia in Paris bewahrt wird.

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Abb. 2 Selbstbildnis, 1891

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Abb. 3 Selbstportrait, 1891

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Abb. 4 Selbstportrait, 1891

 

 

 

 

 

 

 

 

Hammershøi stellt sich in Dreiviertelprofil vor neutralem Hintergrund dar, den Kopf nach links gewandt, den Blick kontemplativ in die Ferne gerichtet. Hintergrund, Kleidung und Haartracht sind mit schnellen Strichen und kleiner Farbpalette eher summarisch erfasst. Das Hauptaugenmerk liegt auf der detaillierten Darstellung der eigenen Physiognomie. Die gedämpfte Farbigkeit[8] aus sanft kontrastierenden Braun- und Grautönen intensiviert sich im Gesicht. Im Vergleich mit früheren Selbstporträts wirkt der 31-jährige Künstler reifer, zugleich melancholischer und verletzlicher.

 

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Abb. 5 Selbstportrait, 1895

Im Jahr 1879 begann Hammershøi das Studium an der Kopenhagener Kunstakademie. Nach Studienabschluss 1885 gab er in der Charlottenborger Frühjahrsausstellung der Kunstakademie sein Debüt mit dem Portrait eines jungen Mädchens. Sein Gemälde Schlafzimmer wurde 1890 von dem Ausstellungskomitee der Kunstakademie abgelehnt. Fortan stellte Hammershøi in der von dem Künstler Johan Rohde organisierten Den Frie Udstilling aus. 1891 heiratete er Ida (1869-1949), die jüngere Schwester des Kommilitonen und Freundes Peter Ilsted, die ihm in vielen Interieurdarstellungen Modell stand. Zusammen unternahmen sie ausgedehnte Reisen in ganz Europa. Im Entstehungsjahr des Portraits, 1895, beteiligte sich Hammershøi an der Ausstellung der Freien Vereinigung Münchner Künstler im Kunst-Salon Gurlitt, Berlin. Er schuf das Gemälde Drei junge Frauen, für welches ihm seine Schwester Anna, seine Ehefrau Ida und seine Schwägerin Ingeborg Ilsted Portrait standen.

 

1905 kaufte der Kunsthändler Paul Cassirer mehrere seiner Gemälde und widmete dem Maler 1906 eine Einzelausstellung in seiner Hamburger Galerie. Hammershøi war 1889 und 1900 auf der Weltausstellung in Paris präsent, 1903 auf der Biennale in Venedig, des Weiteren in Ausstellungen in Deutschland, England, Russland und den USA. Nach Hammershøis Tod wurde 1916 sein künstlerischer Nachlass versteigert und er fiel weitgehend in Vergessenheit. Erst in den 1970er Jahren mit der Neubewertung des Symbolismus erfuhr er wieder Interesse. [9] Ausstellungen in Europa und Japan folgten. Zuletzt fand 2012 in München eine umfassende Retrospektive des wichtigsten dänischen Künstlers der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt.

 

 


[1]    Hammershøi und seine Frau zogen 1909 von der Strandgade 30, wo sie elf Jahre gelebt hatten, in die ehemalige Dänische Asiatische Handelsgesellschaft, Strandgade 25.

[2]    Vilhelm Hammershøi, Kat. Ausst. Hamburger Kunsthalle, Hamburg 2003, S. 135.

[3]    Die späten Selbstportraits zeigen Hammershøi 1911 mit Pinsel und Staffelei als Malenden. 1914, das Jahr, in welchem er an Rachenkrebs erkrankte, entstand das letzte seiner Selbstbildnisse.

     Selbstbildnis, Spurveskjul, 1911, Öl auf Leinwand, 126 x 149 cm, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen. Selbstbildnis, 1914, Öl auf Leinwand, 58 x 50 cm, Privatsammlung.

[4]    Selbstportrait, 1889, Aquarell auf Papier, 15,8 x 9,8 cm, Die Hirschsprungsche Sammlung, Kopenhagen.
Selbstportrait
, 1882 c., Kohle auf Papier, 28,9 x 24,7 cm, Die Hirschsprungsche Sammlung, Kopenhagen.

[5]    Der Künstler und seine Frau, 1892, Öl auf Leinwand, 36,5 x 66 cm, David Collection, Kopenhagen.
Zwei Figuren, 1898, Öl auf Leinwand, 71,5 x 86 cm, Aarhus Kunstmuseum.

[6]    Selbstportrait, 1890, Öl auf Leinwand, 52,2 x 39,5 cm, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen.

Selbstbildnis, 1891, Kreide auf Papier, 30 x 25 cm, Daxer & Marschall, München.

Selbstportrait, 1891, Öl auf Leinwand, 54 x 42 cm, Privatsammlung.

[7]    Selbstportrait, 1895, Bleistift und Kreide auf Papier, 24 x 18 cm, Fondation Custodia, Paris. Vgl. De Abildgaard à̀ Hammershøi: 75 dessins danois, Kat. Ausst. Paris, Fondation Custodia, Paris 2007, S. 40.

[8]    „Warum ich wenige und gedämpfte Farben benutze? Das weiß ich gar nicht. Es ist ziemlich unmöglich für mich, irgendetwas zu diesem Thema zu sagen. Es ist ganz natürlich für mich, doch warum, kann ich nicht sagen. Aber es war auf jeden Fall so, seitdem ich zum ersten Mal ausgestellt habe. Sie können vielleicht am besten als neutrale und reduzierte Farben bezeichnet werden. Ich bin zutiefst überzeugt, dass ein Bild den besten Effekt hat im farblichen Sinne je weniger Farben es hat.“ Interview 1907, abgedruckt in Hammershøi, Kat. Ausst. Hamburg, op. cit., S. 135.

[9]    Vgl. Hammershøi, Kat. Ausst. Hamburg, op. cit., S. 127.

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