Vilhelm Hammershøi

Vilhelm Hammershøi (1864 - Kopenhagen - 1916)

 Das Balkonzimmer in ‘Spurveskjul’ [Spatzennest], 1911

Öl auf Leinwand, 43,2 x 53,3 cm

Provenienz:
Familie des Künstlers (bis 1918)
Valdemar Kleis, Kopenhagen
1960 wohl bei Kleis vom Vater des letzten Besitzers erworben
Seither Familienbesitz

Literatur:
Alfred Bramsen & Sophus Michaelis, Vilhelm Hammershoi:Kunstneren og hans vaerk, Copenhagen und Christiania1918, Nr. 345

 

 

 

Dieses Interieur des dänischen Malers Vilhelm Hammershøi entstand in Spurveskjul, einem Landhaus nördlich von Kopenhagen gelegen, welches der Künstler zusammen mit seiner Ehefrau Ida während der Sommermonate des Jahres 1911 gemietet hatte. Der Name Spurveskjul, zu deutsch Spatzennest, geht auf den Erstbewohner, den Maler Nicolai Abildgaard - Lehrer von Runge und Friedrich - zurück, der die Villa in den Jahren 1805/06 nach eigenen Entwürfen erbauen ließ. Hammershøi wählte und gestaltete seine wechselnden privaten Wohnräume sehr bewusst mit Hinblick auf seine künstlerische Arbeit. Bekanntermaßen dienten sie als Vorlagenrepertoire für fast alle seiner Gemälde. Alfred Bramsen, Mitautor des Werkverzeichnisses, überliefert eine glückliche Zeit Hammershøis in Spurveskjul. Das Ehepaar soll sich gar mit dem Gedanken getragen haben, das Haus zu erwerben.[1]

Unser Bild zeigt einen Wohnraum in Spurveskjul, den Hammershøi mehrfach darstellte (Abb.1). In der vorliegenden Fassung fehlen sämtliche Einrichtungsgegenstände. Ein angedeuteter Vorhang ist das einzige verbliebene Detail der Raumausstattung. Hammershøi ganze Aufmerksamkeit gilt dem Raum selbst, dessen Wände, Fenster und Türen das einfallende Tageslicht in fein nuancierten Grautönen modelliert. Die reflektierenden Fensterscheiben versagen den Blick in die Außenwelt, der Betrachter bleibt in der Abgeschiedenheit des Raumes alleine.

 

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Abb. 1 Vilhelm Hammershøi,
Interieur in Spurveskjul, 1911,
Öl auf Leinwand, 48,5 x 60 cm

 

Ein Zitat aus einem 1907 gegebenen Zeitungsinterview gibt Auskunft über Hammershøis Intentionen: Das, was mich ein Motiv auswählen lässt, sind ebenso sehr die Linien, was ich den architektonischen Gehalt eines Bildes nennen will. Und dann natürlich das Licht. Selbstverständlich hat es ebenfalls eine große Bedeutung, aber die Linien sind wohl das, was mir am wichtigsten ist. Natürlich ist auch die Farbe nicht unwichtig. Es ist mir wirklich nicht gleichgültig, wie es farblich aussieht. Ich arbeite sehr daran, es harmonisch erscheinen zu lassen. Aber wenn ich ein Motiv auswähle, dann denke ich zuerst und vor allem an die Linien.[2]

Der Farbauftrag ist typisch für das Spätwerk des Künstlers und erinnert an zeitgleiche Werke des Pointilismus. Unser Interieur diente dem Künstler als Vorlage für den Hintergrund in seinem berühmtem Selbstporträt, Der Künstler mit Pinsel, [3] welches sich heute in der Sammlung des Statens Museum in Kopenhagen befindet. (Abb.2)

 

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Abb. 2    Vilhelm Hammershoi,
Selbstporträt in Spurveskjul, 1911,
Öl auf Leinwand, 48,5 x 60 cm

 

Im Jahr 1879 begann Hammershøi das Studium an der Kopenhagener Kunstakademie. Nach Studienabschluss 1885 gab er in der Charlottenborger Frühjahrsausstellung der Kunstakademie sein Debüt mit dem Portrait eines jungen Mädchens. Sein Gemälde Schlafzimmer wurde 1890 von dem Ausstellungskomitee der Kunstakademie abgelehnt. Fortan stellte Hammershøi in der von dem Künstler Johan Rohde organisierten Den Frie Udstilling aus. 1891 heiratete er Ida (1869-1949), die jüngere Schwester des Kommilitonen und Freundes Peter Ilsted, die ihm in vielen Interieurdarstellungen Modell stand. Zusammen unternahmen sie ausgedehnte Reisen in ganz Europa. 1895 beteiligte sich Hammershøi an der Ausstellung der Freien Vereinigung Münchner Künstler im Kunst-Salon Gurlitt, Berlin. 1905 kaufte der Kunsthändler Paul Cassirer mehrere seiner Gemälde und widmete dem Maler 1906 eine Einzelausstellung in seiner Hamburger Galerie. Hammershøi war 1889 und 1900 auf der Weltausstellung in Paris präsent, 1903 auf der Biennale in Venedig, des Weiteren in Ausstellungen in Deutschland, England, Russland und den USA. Nach Hammershøis Tod wurde 1916 sein künstlerischer Nachlass versteigert und er fiel weitgehend in Vergessenheit. Erst in den 1970er Jahren mit der Neubewertung des Symbolismus erfuhr er wieder Interesse.[4] Ausstellungen in Europa und Japan folgten. Zuletzt fand 2012 in München eine umfassende Retrospektive des wichtigsten dänischen Künstlers der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt.

 

 

 

[1] Bramsen, op. cit. S. 72

[2] Vilhelm Hammershøi, Kat. Ausst. Hamburger Kunsthalle, Hamburg 2003, S. 135.

[3] Der Künstler blickt aus dem Bild, er hat seine Arbeit kurz unterbrochen. Hammershøis Selbstportraits treten gehäuft in seinem Früh- und Spätwerk auf. Für die frühesten Selbstbildnisse, entstanden in den 1880er Jahren wählte er die Frontalansicht. Im darauffolgenden Jahrzehnt beschäftigte er sich mit unterschiedlichen Perspektiven.

[4] Vgl. Hammershøi, Kat. Ausst. Hamburg, op. cit., S. 127. Hammershøis Verhältnis zum Symbolismus ist ambivalent. Sein als „Schlüsselwerk der dänischen Kunstgeschichte“ und „Durchbruch einer symbolistischen Ästhetik“ bezeichnete Gemälde Artemis war 1894 in Den frie Udstilling ausgestellt. Es ist aber fraglich in wie weit Hammershøi sich selbst als Symbolist sah, zumal er sich einer in Paris gesehen Symbolisten-Ausstellung gegenüber negativ geäußert hat. (vgl. op.cit. Hammershøi, Kat. Ausst. Hamburg, S. 14).

 

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