Wilhelm Lehmbruck

Wilhelm Lehmbruck (Meiderich bei Duisburg 1881 - 1919 Berlin)

Mädchen mit aufgestütztem Bein, Paris, 1910

Lebzeit-Guss

Bronze mit brauner Patina, Höhe 62,5 cm
Bezeichnet Lehmbruck/Paris unterhalb des rechten Fußes und A. Rudier Fondeur. Paris

Provenienz:
Galerie Alex Vömel, Düsseldorf 1953;
Walter Stein, Long Island, New York;
Sammlung Walter und Sonja Caron Stein, Long Island, New York

Literatur:
Dietrich Schubert, Wilhelm Lehmbruck - Catalogue raisonné der Skulpturen, 1898-1919, Worms 2001, S. 206, (zwei Lebzeitgüsse abgebildet, Nr. 152 und 153)

 

 

Handschriftliches Gutachten von Prof. Dr. Dietrich Schubert, Heidelberg, Juli 2010

Prof. Dr. Dietrich Schubert hat die Figur im Original begutachtet und bestätigt, dass es sich bei dieser Skulptur um …eines der ganz wenigen Lebzeit-Exemplare der Figur…handelt, das Lehmbruck vor 1914 in Paris gießen ließ. Nur zwei Lebzeit-Güsse des Mädchens mit aufgestütztem Bein waren bislang bekannt. Unsere Figur ist somit das dritte Exemplar und wird in den kritischen Werkkatalog Lehmbrucks aufgenommen.

 

Das Motiv der Badenden mit aufgestütztem Bein faszinierte Künstler seit der Antike. Die Renaissance greift das Motiv mit Giovanni Bolognas Badender Venus wieder auf. Auch im 19. Jahrhundert haben sich Künstler wie beispielsweise Max Klinger, Louis Tuaillon und der von Lehmbruck bewunderte Aristide Maillol mit dem Motiv auseinandergesetzt. Die Figur entstand in Lehmbrucks früher Pariser Zeit zwischen 1910 und 1914, und zeigt wie seine Auseinandersetzung mit der klassischen Tradition ihn bereits früh zu eigenständigen Lösungen führte. Lehmbruck umkreiste das Thema während der Entstehungszeit der Skulptur auch in verschiedenen Vorzeichnungen (München, Graphische Sammlung; Duisburg LN 117, 123). Darüber hinaus existieren zeitgleiche Zeichnungen einer männlichen Figur mit aufgestütztem Bein, welche als Pendant verstanden werden kann, jedoch nicht bildhauerisch ausgeführt wurde.

Im Gegensatz zu den qualitativ inferioren, nicht durch den Künstler autorisierten posthumen Güssen[1], ist unser Guss zu Lebzeiten Lehmbrucks in Paris entstanden. Die Signatur A. Rudier verweist auf die renommierte Pariser Fonderie Rudier, begründet von Alexis Rudier (+1897). Dessen Sohn und Nachfolger Eugène (1875-1952) etablierte die Gießerei als eine der bedeutendsten ihrer Zeit. Sie arbeitete, um nur einige zu nennen, für Auguste Rodin, Aristide Maillol, oder Antoine Bourdelle und fertigte einige der berühmtesten Bronzen des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Ebenso wie diese Künstler hat sicherlich auch Lehmbruck direkten Einfluss auf die Fertigung und die wunderbare Patina seines Mädchens mit dem aufgestützten Bein genommen.


[1] Die Figur unterscheidet sich nicht nur durch ihre Gussqualität, ihre Oberfläche und Patina von den Nachgüssen. Ein sicheres Kennzeichen ist der Abstand der rechten Ferse zum Boden, der nur 4,1 cm und damit weniger als bei den vielen posthumen Ausfertigungen der Figur misst. Dieses Kennzeichen entspricht den zwei weiteren Lebzeit-Bronzen im Werkkatalog, siehe Schubert, op. cit., No. 54. B. a. 1 und 2, beide ebenfalls von A. Rudier gegossen. Schubert legt als Verfasser des Catalogue raisonné strengste Maßstäbe an eine Authentifizierung, um das Werk Lehmbrucks, das durch eine Vielzahl jahrzehntelang angefertigter posthumer Neugüsse verwässert wurde, zu lichten. Neugüsse wurden von der Witwe Lehmbrucks, nach dessen Freitod 1919 in Berlin, in den zwanziger bis vierziger Jahren veranlasst, sowie durch die Söhne in den fünfziger bis siebziger Jahren. Darüber hinaus tauchen illegitime Güsse der Figur auf dem Kunstmarkt auf, die zum Teil H. Gonot/Paris gestempelt sind, oder keinen Gussstempel führen, technisch minderwertig oder zu klein sind oder ihrer Plinthe angestückt wurde: die Fälscher stückten zuunterst circa zwei Zentimeter in der Gussform bzw. Bronze an, um auf die Normhöhe von 63/64 cm zu kommen, die durch den Abguss von einer Bronze über die Negativform verloren gegangen waren.

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